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Einige Menschen vertragen bestimmte Nahrungsmittel nicht.

Wer bestimmte Lebensmittel nicht verträgt, muss beim Einkauf genauer auf die Inhaltsstoffe achten.
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Sa. 25. Juni 2016

Thema der Woche: Nahrungsmittelintoleranzen

Ob Milchzucker, fachsprachlich Laktose, Getreidebestandteile oder Histamin: Viele Menschen berichten, dass sie bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen. Der Körper ist dann nicht mehr in der Lage, diese oder weitere Stoffe korrekt zu verwerten. Professor Dr. Martin Smollich, Studiengangsleiter Clinical Nutrition an der Praxis-Hochschule in Rheine, erklärt im Interview, warum das Thema immer wichtiger wird und warum der Körper manche Lebensmittel nicht verträgt.

Wie viele Menschen in Deutschland haben eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit?

Smollich: Es ist nicht einfach, das genau zu beantworten. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung geben an, bestimmte Dinge nicht zu vertragen, aber nur bei 10 Prozent ist das ärztlich bestätigt. Ich schätze, dass etwa ein Drittel aller Deutschen von einer solchen Unverträglichkeit betroffen ist.

Man hat das Gefühl, dass das immer häufiger vorkommt. Stimmt der Eindruck?

Smollich: Die Zahlen sind tatsächlich gestiegen, aber über die Ursachen lässt sich nur spekulieren. Zum einen gibt es mehr wissenschaftliche Erkenntnisse als vor zehn bis 20 Jahren, daher werden mehr Fälle diagnostiziert. Zum anderen haben die Medien heute ganz allgemein ein viel größeres Interesse am Thema Ernährung, zum Beispiel auch an "Superfoods" oder vegetarischen oder veganen Kostformen. Das hat etwas mit Zeitgeist zu tun. Als dritten Punkt darf man die Allergien nicht außer Betracht lassen. Allgemein steigt die Zahl der allergischen Erkrankungen. Dazu gehören auch die Nahrungsmittel-Allergien, wenn man diese abgekoppelt von den Unverträglichkeiten betrachtet.

Testverfahren

Fruktose-Intoleranz
• H2-Atemtest: Die Patienten trinken eine Fruchtzucker-Lösung und atmen in ein spezielles Gerät aus. Es ermittelt den Wasserstoffgehalt in der Ausatemluft, was Rückschlüsse darauf zulässt, wie gut der Patient Fruchtzucker verträgt.
• Blutzuckerspiegel: Während des H2-Atemtests kann der Arzt auch den Blutzuckerspiegel messen. Liegt eine Intoleranz vor, nimmt der Körper die getestete Zuckermenge nicht oder kaum ins Blut auf. Der Blutzuckerspiegel bleibt unverändert.
• Hereditäre-Fruktose-Intoleranz-Test: Treten Symptome einer Fruchtzucker-Unverträglichkeit schon kurz nach der Geburt auf oder leiden enge Verwandte darunter, kann der Arzt das Erbgut untersuchen. Dabei weist er typische Genveränderungen nach.

Histamin-Intoleranz
• Bluttest: Der Arzt nimmt Blut ab und lässt im Labor zwei Werte überprüfen. Zum einen den Histamingehalt selbst, zum anderen die sogenannte DAO-Aktivität. Dahinter verbirgt sich das Enzym Diaminoxidase, das Histamin abbaut.
• Dünndarmgewebe entnehmen: Alternativ lässt sich am Gewebe des Dünndarms testen, wie gut die eben erwähnte DAO arbeitet. Diese Untersuchung bietet sich an, wenn der Arzt dort ohnehin Gewebe entnehmen möchte.
• Urintest und Stuhltest: Histamin und seine Abbauprodukte lassen sich auch im Urin oder Stuhl bestimmen. Diese Methoden sind allerdings umstritten.

Laktose-Intoleranz
• H2-Atemtest: Der Patient trinkt beim Arzt eine Testlösung mit Milchzucker. Anschließend pustet er in ein Atem-Messgerät. Dieses weist Wasserstoff nach, wenn der Körper Laktose nicht richtig verstoffwechselt.
• 13C-Atemtest: Hierbei trinkt der Patient eine Laktoselösung, die Kohlenstoffatome enthält. Diese lassen sich in der Atemluft nachweisen, falls der Patient keine Laktose verträgt.
• Weitere Testmöglichkeiten: Möglich sind auch ein spezieller Blutzucker-Test, ein Gentest oder eine Gewebeprobe aus dem Dünndarm.

Zöliakie
• Bluttest: Bei einem Verdacht auf Zöliakie untersuchen die Ärzte das Blut auf bestimmte Antikörper. Sie bilden sich bei einer Unverträglichkeit auf Gluten. Wichtig ist, wie für die nachfolgend erwähnte Untersuchung, dass Patienten noch wenige Tage vorher glutenhaltige Lebensmittel zu sich genommen haben.
• Gewebeentnahme Darmschleimhaut: Die Zöliakie führt zu Veränderungen der Dünndarmschleimhaut. Die Entnahme von Gewebe zu Diagnosezwecken erfolgt mittels Magenspiegelung, mit der man auch den Zwölffingerdarm erreicht, also den ersten Abschnitt des Dünndarms.

PEF

Wodurch unterscheiden sich Nahrungsmittelunverträglichkeiten von Nahrungsmittelallergien?

Smollich: Bei den Allergien ist immer das Immunsystem beteiligt. Das heißt, es erfolgt eine richtige Immunreaktion, wie beispielsweise bei einer Bienengiftallergie oder bei einem allergischen Schock auf einen Bestandteil des Nahrungsmittels. Dagegen ist bei den Nahrungsmittel-Intoleranzen das Immunsystem nicht beteiligt. Man hat also keine allergische Reaktion des gesamten Körpers, etwa mit Kreislaufkollaps oder Pusteln auf der Haut, sondern Beschwerden, die meist auf den Magen-Darm-Trakt beschränkt sind.

Nun sagen manche Patienten, die auf Histamin reagieren, dass sie davon Herzrasen bekommen. Das klingt schon etwas bedrohlicher.

Smollich: Histamin bildet eine Ausnahme. Es ist ein körpereigener Botenstoff, der bei einer allergischen Reaktion aus den sogenannten Mastzellen ausgeschüttet wird. Das führt zu Herzrasen, Übelkeit und anderen Symptomen einer Allergie. Bei einer Histamin-Intoleranz kann der Körper das über die Nahrung aufgenommene Histamin nicht komplett abbauen. Das Histamin gelangt dann ins Blut und verursacht ähnliche Reaktionen wie bei einer Allergie. Bei einer Unverträglichkeit ist dieser Effekt viel schwächer ausgeprägt – allerdings kann es bei hohem Verzehr histaminhaltiger Lebensmittel auch zum Herzrasen kommen. Häufiger treten Kopfschmerzen oder eine leichte Hautrötung auf, aber nicht die lebensbedrohlichen Situationen wie bei einer akuten allergischen Reaktion.

Wie kann es sein, dass man einen körpereigenen Stoff wie das Histamin nicht mehr verträgt?

Smollich: Die plausibelste Erklärung dafür liefert die Diaminoxidase-Hypothese. Normalerweise baut der Körper das Histamin aus der Nahrung durch das Enzym Diaminoxidase im Darm ab. Manche Menschen haben davon erblich bedingt etwas mehr und andere etwas weniger. Wenn jemand, der nur wenig von diesem Enzym hat, sehr histaminreiche Lebensmittel isst, kann ein Teil des Histamins ins Blut gelangen. Dann kommt es zu den Symptomen.

Sind Unverträglichkeiten immer erblich bedingt oder können sie auch durch etwas anderes ausgelöst werden?

Smollich: Die Ursache kann auch eine Erkrankung sein. Beispiel Histamin: Die Diaminoxidase wird von bestimmten Zellen im Darm gebildet. Sind diese Zellen durch eine Erkrankung geschädigt, zum Beispiel bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, produzieren sie weniger Diaminoxidase. Ähnliches kann nach einer Strahlen- oder Chemotherapie bei Krebs geschehen oder bei einer Operation, bei der ein Teil des Darms entfernt wird. Ist der akute Schub einer Darmentzündung vorüber oder die Chemotherapie überstanden, können sich die Darmzellen wieder regenerieren.

Wie behandelt man Nahrungsmittel-Intoleranzen?

Smollich: Das ist abhängig davon, um welche Intoleranz es sich handelt. Wenn eine Laktose-Intoleranz gesichert ist, besteht die Behandlung in einer Ernährung mit unter zehn Gramm Milchzucker pro Tag, das entspricht etwa 200 Milliliter Milch. Man braucht meist nicht komplett auf Milchzucker zu verzichten. Viele denken zwar, die Laktose würde den Darm schädigen, selbst wenn keine Beschwerden auftreten. Das stimmt jedoch nicht. Ebenso wenig wie bei Histamin.

Was raten Sie Menschen, die eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit bei sich vermuten?

Smollich: Ich würde ihnen auf jeden Fall raten, die Symptome vom Arzt abklären zu lassen. Unverträglichkeiten sind zwar keine lebensbedrohlichen Erkrankungen, aber wenn man in Eigenregie auf mehr Lebensmittel verzichtet als nötig wäre, kann das zum Beispiel zu einem Mangel an verschiedenen Mikronährstoffen führen. Dazu kommt, dass solche unklaren Beschwerden auch von schwerwiegenden Erkrankungen herrühren können.

Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Apotheker Rüdiger Freund.

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