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Kleines Mädchen schaut auf eine Schüssel mit Erdnüssen

In einer Studie ist es gelungen, dass Kinder mit einer nachgewiesenen Erdnussallergie kleinste Mengen der Nüsse verzehrten und sich deshalb daran gewöhnten.
© Eléonore H - Fotolia

Gefährliche Erdnuss-Allergie abschwächen

Echte Lebensmittelallergien sind weitaus seltener als viele Menschen annehmen. Doch den Betroffenen bereiten sie erhebliche Probleme. Das gilt besonders für Erdnüsse. Mittlerweile gibt es erste Hoffnungen, den Betroffenen – viele sind Kinder – mit einer "Allergie-Impfung" helfen zu können.

Schon in Spuren können Inhaltsstoffe von Erdnüssen bei Erdnussallergikern heftige Beschwerden auslösen. Und Spuren von Erdnüssen verbergen sich in vielen Lebensmitteln: in Schokolade, süßem Brot, Stollen, Keksen, Kuchen, Fertigsalaten, Müsli oder sogar in vegetarischen Aufstrichen. Es trifft gerade Kinder mit einer Erdnussallergie hart, wenn sie bei leckeren Sachen wie Kuchen, Keksen und Schokoladenprodukten nicht unbeschwert zugreifen dürfen. Und im Kindesalter tritt eine Überreaktion des Immunsystems auf Erdnüsse oft erstmals auf.

Um den Betroffenen zu helfen, wurde schon früh versucht, ihr Immunsystem gegen Erdnüsse unempfindlich zu machen. Dazu die Kinderärztin Dr. Katharina Blümchen von der Charité in Berlin: "Es gibt die althergebrachte Therapie bei Pollen- oder Insektengift-Allergien, bei der Patienten Extrakte mit Allergie-Auslösern in den Arm gespritzt bekommen, um das Immunsystem daran zu gewöhnen. Man hat das schon vor etwa 20 Jahren auch bei Erdnuss-Allergikern versucht. Doch es kam zu heftigsten Nebenwirkungen. Es hat sich zwar gezeigt, dass die Therapie wirksam ist, aber die Nebenwirkungen waren einfach untragbar und man ist deswegen davon abgekommen."

Nicht spritzen, sondern schlucken

Doch kürzlich hat eine Arbeitsgruppe der Klinik für Pädiatrie der Charité, der Dr. Blümchen angehört, einen neuen Anlauf genommen. In einer abgeschlossenen Pilotstudie bekamen 23 Kinder mit einer nachgewiesenen Erdnussallergie unter kontrollierten Bedingungen nicht einen verdünnten Extrakt aus Erdnüssen gespritzt, sondern sie verzehrten kleinste Mengen Erdnüsse. Das hört sich einfach an, ist es aber bei Weitem nicht, wie Dr. Blümchen zu berichten weiß: "Die Teilnehmer mussten zunächst einmal nur ein bisschen Erdnuss zu sich nehmen, täglich ein Krümelchen zu Anfang. Und das zu Hause unter Überwachung der Eltern. Diese Krümeldosis wurde im Verlauf mehrerer Monate in vierzehntägigem Abstand gesteigert. Diese Steigerung kann man nicht einfach zu Hause machen." Speziell bei den Dosissteigerungen wurden die Kinder wegen möglicher starker Immunreaktionen medizinisch gut überwacht. Erst wenn sie nach etwa zwei Stunden wirklich beschwerdefrei waren, konnten sie nach Hause gehen.

"Natürlich wurden die Kinder und Jugendlichen und ihre Familien genauestens aufgeklärt, was sie zu Hause bei welcher Reaktion machen müssen", betont Blümchen. "Es gibt auch nach wie vor eine 24-Stunden-Hotline, bei der sich die an der Studie beteiligten Patienten jederzeit melden können, Tag und Nacht." Denn auch nach Abschluss der Studie sollen erfolgreiche Teilnehmer weiter für sie verträgliche Erdnussmengen zu sich nehmen, damit der Effekt nicht abklingt. Doch wie war es um den Erfolg der Studie bestellt?

Dr. Blümchen: "Das Ziel, eine Erdnuss zu vertragen, wurde bei 14 der 23 Patienten erreicht. Bei einem konnte man nur bis zur halben Dosis gehen. Bei den anderen Teilnehmern hat es nicht funktioniert. Entweder war die ganze Therapie für die Eltern zu aufwendig oder es traten Nebenwirkungen auf, weshalb ich vier Patienten aus der Studie ausschließen musste."

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Die Reaktionsschwelle ist gestiegen

Die Teilnehmer, bei denen die Behandlung funktionierte, konnten nicht nur kleine Erdnussmengen ohne größere Beschwerden vertragen. Auch die kritische Menge an Erdnüssen, ab der es zu deutlichen allergischen Beschwerden kommt, konnte angehoben werden. "Diese Kinder und Jugendlichen haben am Anfang bei durchschnittlich einer viertel Erdnuss reagiert, und zum Ende der Studie waren es dann im Mittel vier Erdnüsse."

Das mag vielleicht nicht sehr beeindruckend klingen, aber für die Betroffenen ist es doch ein großer Gewinn. "Sie müssen jetzt nicht mehr alles meiden, wo auf der Verpackung steht 'Kann Spuren von Erdnuss enthalten'. Es kam bis jetzt zu keinen größeren Problemen, wenn die Kinder irgendwo zufällig noch eine Erdnuss zu sich genommen haben." Für die Kinder und ihre Eltern ist das ein enormer Gewinn. Es entfällt die stetige Angst, dass beim Essen auf einer Geburtstagsparty oder in einem Restaurant doch einmal ein Allergieschub ausgelöst wird, weil man versehentlich geringste Erdnussmengen zu sich genommen hat.

Noch immer sind viele Fragen offen

Aber noch gibt es die Gewöhnung an Erdnüsse, diese spezielle Immuntherapie nicht landesweit in den Praxen von Allergieärzten. Es fehlen einfach noch Untersuchungen, um die vielen trotz erster Anfangserfolge offenen Fragen zu klären. So etwa, warum die Gewöhnung bei einigen Patienten einfach nicht funktionieren will. "Es müssen dafür Anhaltspunkte gefunden werden, damit man diese Patienten gar nicht erst mit der Immuntherapie behandelt und sie den damit verbundenen Risiken aussetzt."

Um diese und andere Fragen zu beantworten, hat die Charité eine größere Studie mit 70 Patienten gestartet. Die Teilnehmer sind schon ausgewählt, so dass keine weiteren mehr hinzukommen können. "Es handelt sich", so Dr. Blümchen, "um eine Studie mit Erdnuss- und Placebogabe. Und zwar um die Wirksamkeit noch besser nachzuweisen, vor allem aber, um die Nebenwirkungen besser beurteilen zu können." Am Ende steht dann hoffentlich eine Therapie, die für eine große Zahl der Erdnuss-Allergiker hierzulande eine gute Chance bringt, ihre Situation zu verbessern.

Dr. Frank Schäfer

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