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Junge Frau sitzt in einem Fast-Food-Laden und beißt in einen Hamburger.

Eine Steuer auf ungesunde Lebensmittel soll Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen.
© Christian Schwier - Fotolia

Steuer auf Zucker und Fett

Mehr zahlen für ungesunde Lebensmittel? Das hält die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) für ein gutes Mittel, um Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einzudämmen. Warum, erklärt der Geschäftsführer der DDG, Dr. Dietrich Garlichs.

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Was hat es mit der Zucker- und Fett-Steuer auf sich?

Garlichs: Dem enormen Anstieg an chronischen Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen lässt sich nur durch eine wirkungsvolle Primärprävention begegnen. Vorbeugende Maßnahmen sind allerdings nur dann sinnvoll, wenn sie die Menschen tatsächlich erreichen und zwar in einem möglichst frühen Alter. Besonders gut eignet sich dafür eine Steuer auf ungesunde Lebensmittel mit hohem Anteil an Zucker, Fett und Salz, die Bestandteile, von denen wir doppelt so viel essen, wie uns gut täte und die Übergewicht und deren Folgeerkrankungen begünstigen.

Wie wurde das Problem bislang angegangen?

Garlichs: Die bisherige Strategie, die Menschen durch Information und Appelle an die Vernunft zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen, ist grandios gescheitert: Circa 80 Prozent der Krankheitslast und der vorzeitigen Todesursachen stehen im Zusammenhang mit den chronischen Zivilisationskrankheiten. Selbst die massiven Warnungen auf Zigarettenpackungen haben wenig geholfen. Was hingegen geholfen hat, ist die drastische Erhöhung der Tabaksteuer. Dadurch hat sich die Raucherquote unter Jugendlichen in den letzten zehn Jahren halbiert. Noch deutlicher wird es im Hinblick auf die sogenannten Alkopops: Die schnelle Steuererhöhung darauf hat praktisch zu deren Verschwinden geführt.

Was sagt die Industrie zur angedachten Steuer?

Garlichs: Keiner mag Steuern, natürlich auch die Lebensmittelindustrie nicht. Aber wenn sie für alle Hersteller gleichermaßen gilt, ist der Wettbewerb nicht beeinträchtigt und es wäre für die Industrie interessant, ihre Rezepturen entsprechend zu verändern und gesundheitsförderlichere Produkte anzubieten.

In welchen Ländern haben derartige Steuern Erfolge gezeigt?

Garlichs: In Dänemark war die Fettsteuer zum Beispiel erfolgreich. Sie wurde zwar wieder gekippt, aber nicht, weil sie nicht gewirkt hätte, sondern weil der Koalitionspartner einer neuen dänischen Regierung das zur Bedingung gemacht hatte. In der kurzen Zeit mit der Fettsteuer stellte die Universität Kopenhagen fest, dass der Konsum fetthaltiger Produkte zwischen zehn und 20 Prozent zurückging.

Was halten Sie von dem Argument, Menschen mit geringen Einkommen würden durch eine Zucker-Fett-Steuer bestraft?

Garlichs: Dieses Argument müssen wir natürlich ernst ehmen. Allerdings bleibt es ja nicht nur bei einer Steuererhöhung, sondern gleichzeitig sollen gesunde Lebensmittel steuerlich entlastet werden, so dass es sich in der Summe ausgleicht. Zudem treffen die Auswirkungen ungesunder Ernährung besonders die sozial schwachen Bevölkerungskreise. Wenn wir dagegen nichts unternehmen, werden diese Menschen überproportional bestraft durch die Folgeerkrankungen von ungesunder Ernährung. Zu bedenken ist auch, dass für Süßigkeiten mindestens 100-mal so viele Werbegelder zur Verfügung stehen wie für Obst und Gemüse. Und das Budget der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beträgt noch nicht einmal ein Prozent allein der Süßwarenwerbung. Das heißt, die meisten Menschen haben gar keine echte Chance, sich objektiv zu informieren.

Welche weiteren Maßnahmen sehen Sie noch?

Garlichs: Ausreichende Bewegung ist ebenso wichtig wie gesunde Ernährung. Wir plädieren deshalb für täglich mindestens eine Stunde Sport in Schulen und Kindergärten oder vier Doppelstunden pro Woche. Das ist entscheidend, um die Familien zu erreichen, in denen Sport und Bewegung keine Selbstverständlichkeit sind. Auch sollte Lebensmittelwerbung verboten werden, die sich gezielt an Kinder richtet. Eine einfache Maßnahme und dringend geboten wäre auch, die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bei der Schulverpflegung verpflichtend einzuführen.

Die Fragen stellte Apothekerin Isabel Weinert.

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