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Im Darm leben viele tausend Bakterien, die für unsere Gesundheit sorgen.

Was wir essen, wirkt sich maßgeblich auf die Bakteriengemeinschaft im Darm aus.
© fritzi braun - Fotolia

Darm: 1,5 Kilo Bakterien regeln unsere Gesundheit

Die Bakteriengemeinschaft im Verdauungstrakt des Menschen hat enorme Bedeutung für seine Gesundheit, auch im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes. Der Experte Professor Dr. med. Peter C. Konturek, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II Saalfeld, über die Bedeutung des Darmmikrobioms.

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Was versteht man eigentlich unter dem Begriff "Darmmikrobiom"?

Konturek: Darunter verstehen wir die Gesamtheit der Mikroorganismen im Verdauungstrakt. Sie besiedeln alles vom Mund bis zum Enddarm. Die Masse aller Mikroorganismen bringt es auf 1,5 Kilogramm Gewicht. Weil es so unendlich viele sind, nämlich 10 hoch 14, sprechen wir auch von einem neu entdeckten Superorgan.

Was macht das Darmmikrobiom so wichtig für den Menschen?

Konturek: Ein gesundes und intaktes Darmmikrobiom ist für uns lebenswichtig. Gerät es aus dem Gleichgewicht, sprechen wir von einer Dysbiose. Sie ist wahrscheinlich ein Schlüsselfaktor bei der Entstehung zahlreicher Erkrankungen. Dazu gehören chronisch entzündliche Darmerkrankungen, aber auch Arteriosklerose, Leberverfettung, Demenz, Diabetes, Multiple Sklerose und Parkinson.

Was wirkt sich positiv, was negativ auf die Gemeinschaft der Darmbakterien aus?

Konturek: Die wichtigste Rolle spielt die Ernährung. Eine Fett- und Kohlenhydrat-reiche Kost, Fastfood, Alkohol und Nikotinkonsum schaden dem Darmmikrobiom. Viel Obst und Gemüse, wenig Fett und viel Bewegung wirken positiv. Zu den Medikamenten, die dem Darmmikrobiom schaden, gehören Antibiotika und Mittel, die die Produktion von Magensäure hemmen. Stress ist ebenfalls erwiesenermaßen schädlich.

Welche Aufgaben hat das Darmmikrobiom?

Konturek: Es zerlegt Nahrung in verwertbare Komponenten, stellt Vitamine her, wie Vitamin K, spielt eine herausragende Rolle in der Immunabwehr, unterstützt den Stoffwechsel und die Schleimhautbarriere im Magen-Darm-Trakt, prägt entscheidend das Immunsystem des Darms und kommuniziert fortwährend mit dem Gehirn.

Wie kann man sich die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn vorstellen?

Konturek: Teilweise erfolgt diese Kommunikation über Nervenverbindungen. Hier handelt es sich um das sogenannte Bauchhirn, ein Geflecht von Nerven, die sich im Darm befinden. Ein großer Teil läuft jedoch über zahlreiche Stoffwechselprodukte der Bakterien im Darm und über sogenannte Neuromediatoren. Beide können die Hirnfunktion beeinflussen. Deshalb sprechen wir von der Mikrobiota-Hirn-Darm-Achse. Sie ist für den Menschen sehr wichtig, kontrolliert zum Beispiel die Nahrungsaufnahme, reguliert mit die Darmmotorik, ist an der Freisetzung von Darmhormonen beteiligt, beeinflusst die Wahrnehmung von Bauchschmerzen, kontrolliert das darmeigene Immunsystem und die Empfindlichkeit auf Stress.

Ist das Darmmikrobiom bei Diabetikern verändert?

Konturek: Es gibt Hinweise darauf, dass Übergewicht, wie es bei Typ-2-Diabetes häufig ist, das Darmmikrobiom negativ verändert. Den betroffenen Patienten fehlen auch wichtige, am Stoffwechsel beteiligte Bakterien, wie zum Beispiel Akkermansia muciniphila. Führt man eine Stuhltransplantation durch, bekommt der Diabetiker also Stuhl eines gesunden Menschen, dann bessert sich die Stoffwechsellage des Diabetikers. Die Insulinempfindlichkeit, die normalerweise bei Typ-2-Diabetes verringert ist, steigt ebenfalls an.

In welchen Fällen hilft eine Stuhltransplantation noch?

Konturek: Sie hat sich als wirksamste Therapie von Clostridiumdifficile-Infektionen gezeigt. Das ist die häufigste Darminfektion im Krankenhaus, meist durch Antibiotika ausgelöst. Sie wurde bisher mit speziellen Antibiotika behandelt. Das brachte aber nur bei 40 bis 50 Prozent der Patienten einen dauerhaften Erfolg. Bei einer Stuhltransplantation liegt diese Rate bei 90 Prozent. Vielversprechende Ergebnisse der Stuhltransplantation sehen wir auch bei Menschen mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung. Wahrscheinlich muss solch eine Transplantation mehrere Male wiederholt werden. Dazu entwickelt man Kapseln, die Stuhl enthalten.

Hilft die Stuhltransplantation auch gegen das Reizdarmsyndrom?

Konturek: Das Reizdarmsyndrom stellt als häufigste funktionelle Darmerkrankung die größte Herausforderung in der Gastroenterologie dar. Die Betroffenen – nach Schätzungen etwa 15 Prozent der Bundesbürger – sind oft erheblich eingeschränkt. Die Stuhltransplantation führt bei einigen Patienten zu Verbesserungen der Dysbiose und lindert die Beschwerden. Weitere Studien müssen die Wirksamkeit der Methode noch genau klären. Aber ich denke, die Zukunft wird so aussehen, dass man die Stuhltransplantation mit einer entsprechenden Ernährungsumstellung kombiniert.

Kann sich eine veränderte Zusammensetzung der Darmmikrobiota auch auf die psychische Gesundheit auswirken?

Konturek: Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass psychiatrische Erkrankungen mit einer Dysbiose einhergehen. Der ursächliche Zusammenhang ist jedoch noch unklar: Was war zuerst da, die Depression oder die Dysbiose? Allerdings existieren Erkenntnisse, dass sich mit der Zufuhr von Probiotika die Stimmung beeinflussen lässt.

Kann man das Darmmikrobiom mit Hilfe von probiotischen Präparaten oder milchsauer vergorenen Lebensmitteln unterstützen?

Konturek: Auf jeden Fall. Das zeigt unter anderem ein Bericht im Rahmen eines gastroenterologischen Kongresses im Mai dieses Jahres in den USA, wonach sich das Risiko für eine Clostridium difficile-Infektion bei Krankenhaus-Patienten, die ein Antibiotikum bekommen, um die Hälfte verringert, wenn zeitgleich ein Probiotikum eingenommen wird. Auch beim Reizdarmsyndrom zeigen Probiotika Effekte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Apothekerin Isabel Weinert.

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