Sie sind in: Startseite Service Neue Apotheken Illustrierte Archiv 2012 1. März Ess-Störung macht Diabetes schlimmer

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Ess-Störung macht Diabetes schlimmer

Leiden Diabetiker unter einer Ess-Störung, sind die Folgen oft dramatischer als bei Menschen ohne Zuckerkrankheit. Der leitende Psychologe an der Diabetes Klinik Bad Mergentheim, Privatdozent Dr. Bernhard Kulzer, über verschiedene Formen krankhaften Essverhaltens und deren Therapie.

Magersüchtiges Mädchen betrachtet sich im Spiegel

Von Magersucht betroffen sind vor allem Typ-1-Diabetiker zwischen ihrem 15. und 21. Lebensjahr.
© Xenia-Luise - Fotolia

"Ess-Störungen lassen sich in drei Kategorien einteilen, die Bulimie oder Ess-Brech-Sucht, die Anorexie oder Magersucht und das sogenannte "Binge-Eating", erklärt Kulzer im Gespräch mit der Neuen Apotheken Illustrierten.

Beim Binge-Eating, das sich als "Essgelage" übersetzen lässt, leiden die Betroffenen unter Fressattacken. Das Gegessene wird aber anschließend nicht erbrochen, wie es bei Bulimikern der Fall ist. Alle drei Ess-Störungen bringen Diabetiker noch mehr in Gefahr als Nicht-Diabetiker, die unter einer dieser Krankheiten leiden.

Schlechte Blutzuckerwerte

"Von einer Anorexie betroffen sind vor allem Typ-1-Diabetiker zwischen ihrem 15. und 21. Lebensjahr", weiß der Experte. Der Blutzucker ist bei den Betroffenen nicht etwa gut eingestellt, was man vermuten könnte, weil sie so wenig essen. Im Gegenteil: "Die Patienten haben oft ganz schlimme, weil ganz hohe Blutzuckerwerte, da sie ihr Insulin absichtlich unterdosieren, um kein Gramm zuzunehmen", so Kulzer.

"Anorexie und schlechte Zuckereinstellung bleiben nicht ohne Folgen: Die Prognose für diese Patienten ist schlecht. Die Sterblichkeit liegt höher als bei Menschen mit Anorexie, aber ohne Diabetes." Gleiches gilt auch für die Bulimie, die ebenfalls vor allem Typ-1- und nur wenige Typ-2-Diabetiker betrifft. Binge-Eating kommt hingegen laut Kulzer vor allem bei Typ-2-Diabetikern vor. Die Störung kann das bei den Betroffenen ohnehin meist schon vorhandene Übergewicht noch steigern.

Krank machender Abnehmtrick

"Speziell Diabetiker, die Insulin spritzen, können ein sogenanntes Insulin-Purging entwickeln. Dabei lassen Betroffene bewusst eigentlich notwendige Insulin-Injektionen aus", erklärt der Psychologe. Der Blutzucker steigt so über die Nierenschwelle. Zucker gelangt dann über die Nieren in den Urin. Der Energieverlust macht sich durch eine Gewichtsabnahme bemerkbar. Insulin-Purger nutzen diese "Technik", um abzuspecken. Schlechte HbA1C-Werte sind das Ergebnis, mit unter Umständen weitreichenden negativen Folgen für den Organismus.

Daneben kennen Diabetologen und Psychologen weitere Auffälligkeiten im Essverhalten von Diabetikern. So etwa die "Night eating disorder", eine Störung, bei der die Betroffenen 25 bis 50 Prozent ihres täglichen Energiebedarfs nach 19 Uhr beziehungsweise in der Nacht essen. Die Konsequenzen: hohe morgendliche Blutzuckerwerte, vermehrte Insulinresistenz, Gewichtszunahme und eine dadurch bedingte schlechtere Lebensqualität.

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Fokus Speiseplan

Prädestiniert die Krankheit Diabetes für Ess-Störungen? "Früher, als es noch keine intensivierte Insulintherapie gab, sondern sich Diabetiker mit dem Essen an feste Zeiten halten mussten, ging man davon aus, dass eine Ess-Störung eine Reaktion auf die permanent beim Essen geforderte Disziplin ist", sagt Kulzer. Doch die Freiheiten beim Essen, die durch Einführung der intensivierten Insulintherapie möglich wurden, haben das Problem nicht behoben. "Die hohe Flexibilität beim Essen, die die moderne Therapie möglich macht, bedeutet auch, dass man seiner Krankheit sehr viel Aufmerksamkeit schenken und sich auf das Thema Ernährung konzentrieren muss", so der Experte. Mit dieser Fokussierung sei immer die Gefahr gegeben, ein gestörtes Essverhalten zu entwickeln.

"Einige Ess-Störungen sind bei Diabetikerinnen mehr als doppelt so häufig wie in einer nicht diabetischen Kontrollgruppe", weiß Kulzer. Bei Mädchen mit Typ-1-Diabetes liegen die Zahlen gar noch höher: Acht Prozent der Diabetikerinnen, aber nur ein Prozent der nicht diabetischen Kontrollgruppe berichten über mehr als eine auffällige Verhaltensweise in Zusammenhang mit dem Essen.

So früh wie möglich behandeln

Um den Weg in eine massive Ess-Störung zu verhindern, rät Kulzer, bereits früh therapeutische Hilfe zu suchen. "Wer als Diabetiker Essprobleme hat, sollte frühzeitig mit einem Diabetologen Kontakt aufnehmen, damit rasch eine Therapie eingeleitet werden kann."

Experten sind dann Psychotherapeuten, die sich auf Ess-Störungen spezialisiert haben, oder auch psychosomatische Kliniken. Etwa 20 Prozent der Diabetiker mit Ess-Störungen wie Magersucht oder Bulimie können nicht geheilt werden. Immerhin 50 Prozent finden aber den Weg zurück zu einem normalen Umgang mit dem Thema Essen. Bei 30 Prozent der Betroffenen stagniert die Störung. Diese Zahlen gelten aber nur dann, wenn eine Therapie frühzeitig einsetzt. Je länger das Leiden besteht, desto schlechter stehen die Chancen auf Heilung.

Apothekerin Isabel Weinert

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