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Bei Depressionen leiden Geist und Körper

Studien zeigen, dass die Zahl der Menschen mit Depressionen dramatisch zunimmt. Als Gründe gelten wirtschaftliche Belastungen und Stress sowie ein ungesunder Lebensstil.

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Die Depression ist jedoch weit mehr als nur eine seelische Erkrankung. Immer häufiger gehe sie mit ausgeprägten körperlichen Beschwerden wie Brust-, Kopf-, Rücken-, Schulter- und Bauchschmerzen, Appetit- und Gewichtsveränderungen, Müdigkeit und Schlafstörungen einher. Das sagte die Neurologin Dr. med. Heike-Ariane Washeim, Zirndorf, auf einer Expertenveranstaltung in Hamburg. "Eine wichtige Ursache dafür, dass Depressionen oft nicht entdeckt und nur unzureichend behandelt werden, liegt in der mangelnden Wahrnehmung körperlicher Beschwerden als Teil dieser Krankheit."

Etwa acht von zehn depressiven Patienten hätten oft bereits über Jahre andauernde körperliche Beschwerden. Dennoch sei ihnen nicht bewusst, dass es sich bei den körperlichen Symptomen um Zeichen einer Depression handeln könnte: Drei von vier Patienten, so Washeim, sehen keinen direkten Zusammenhang zu psychischen Krankheitszeichen wie gedrückter Stimmung und Antriebsarmut, Abnahme des Selbstwertgefühls, Interessenverlust und Hoffnungslosigkeit.

Die Chance, den Krankheitsverlauf frühzeitig zu beeinflussen, geht dann natürlich verloren. Die Expertin berichtete von bis zu zehnjährigen Odysseen zahlreicher Patienten durch ärztliche Praxen, bevor die Betroffenen durch eine entsprechende Diagnose und Therapie wieder in ein normales, unbeschwertes Familien- und Arbeitsleben zurückkehren konnten.

Botenstoffe nicht in Balance

Nach den Ausführungen Washeims gibt es einen engen körperlichen Zusammenhang von Depression und Schmerz unter anderem auf Grund der Rolle der Nervenbotenstoffe Serotonin und Noradrenalin im menschlichen Organismus. Diese so genannten Neurotransmitter sind biochemische Überträgersubstanzen, die an den Schaltstellen des zentralen und peripheren Nervensystems für die Weiterleitung von Reizen und Empfindungen verantwortlich sind.

Eine gestörtes Gleichgewicht von Serotonin und Noradrenalin könne sowohl Ursache psychischer als auch körperlicher Symptome sein. Moderne Antidepressiva wie die so genannten Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin und Duloxetin sind in der Lage, dieses Ungleichgewicht der Botenstoffe zu beheben. Experten stufen die neueren Antidepressiva im Vergleich zu älteren, zum Beispiel den so genannten Trizyklika, als günstiger für die Behandlung hoch betagter Menschen ein. Deren Körper reagiert sehr viel sensibler auf Medikamente als der Organismus junger Leute.

Therapie im Alter

Etwa 40 Prozent aller Selbstmorde in Deutschland werden von Menschen über 60 Jahre verübt. "Gerade bei älteren Patienten wird die Diagnose Depression nicht oder erst sehr spät gestellt", kritisierte Dr. med. Gerhard Dieter Roth, Ostfildern. Nur zu häufig werde eine gewisse Schwermut ungerechtfertigt als natürliche Folge des Alterungsprozesses angesehen. Nicht zuletzt auch auf Grund gesellschaftlicher Vorurteile neigen ältere Menschen seiner Erfahrung nach dazu, ihre Depression zu verschweigen. Obwohl mutlos und niedergeschlagen, geben zwei Drittel der Patienten keine Symptome an, die auf eine Depression hindeuten. In elf Prozent der Fälle werden psychische Symptome selbst auf Nachfrage des Arztes hin verneint, so der Neurologe.

Roth warnte, Depressionen im Alter lediglich als normales Merkmal erschwerter Lebensumstände zum Beispiel durch Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit anzusehen und somit nicht zu behandeln. Auch ältere Menschen mit Depressionen sollten nicht nur psychotherapeutisch, sondern auch medikamentös therapiert werden. Moderne Antidepressiva hätten in Studien bei etwa 70 Prozent der älteren Teilnehmer eine deutliche Besserung des Befindens ermöglicht.

Pflanzliche Alternative

Ob in jungen oder späteren Lebensjahren: Roth unterstrich, dass sich der niedergelassene Arzt trotz Budgetdrucks stets Zeit für das Patientengespräch nehmen muss. Ziel der Behandlung sollte die vollkommene Beschwerdefreiheit sein. Wenn körperliche Symptome zurückbleiben, neigen die Patienten dreimal häufiger zu erneuten depressiven Episoden als Patienten, die beschwerdefrei geworden sind.

Bei der Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen haben sich Johanniskrautextrakte aus der Apotheke als verträgliche Alternative zu chemischen Antidepressiva bewährt. Welche Inhaltsstoffe stimmungsaufhellend wirken, ist noch nicht genau geklärt. Man weiß heute jedoch, dass auch Bestandteile dieses Pflanzenauszugs die Wirkung von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin positiv beeinflussen. Neueren Studien zufolge lindern Johanniskrautextrakte nicht nur seelische, sondern auch körperliche Beschwerden wie innere Unruhe, Angst, Herzklopfen, chronische Müdigkeit, Schlafstörungen und Nervosität.

Für eine erfolgversprechende Behandlung empfehlen Experten, insgesamt 900 Milligramm Johanniskrautextrakt täglich einzunehmen. Aber erst nach etwa acht bis 14 Tagen tritt die Wirkung spürbar ein. Generell ist Johanniskraut gut verträglich, doch gelegentlich kommt es zu Überempfindlichkeitsreaktionen der Haut gegenüber UV-Strahlung. Gerade hellhäutigeMenschen sollten daher intensive Sonnen- und UV-Strahlung, also Sonnenbäder und Solarien, während der Zeit der Einnahme meiden. Auch kann es in Einzelfällen zu Wechselwirkungen mit blutgerinnungshemmenden Arzneimitteln beziehungsweise Digitalis-Präparaten zur Therapie der Herzinsuffizienz kommen. Eine weitere mögliche Wechselwirkung besteht auch mit der Pille: Johanniskraut kann ihre Wirkung abschwächen und Zwischenblutungen auslösen.

Öfter mal Nein sagen

Körperliche Beschwerden könnten Wegweiser auf der Suche nach der Lösung seelischer Konflikte sein. Psychotherapeuten empfehlen daher, bei ersten Anzeichen einer Depression nach den Ursachen zu fahnden und ihnen durch gesunde Lebensführung, Reduktion des Alkohol- und Nikotinkonsums, Schlaf, Bewegung und Entspannungstechniken bewusst entgegenzusteuern. Darüber hinaus raten sie, öfter mal Nein zu sagen, hin und wieder Mußestunden einzulegen und zu hohe Anforderungen an sich selbst zurückzuschrauben.

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