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Selbstkontrolle war nicht immer selbstverständlich

Zur Behandlung der Zuckerkrankheit gehört heute wie selbstverständlich die Selbstkontrolle des Blutzuckerspiegels. Das war aber keineswegs immer so.

Noch vor 100 Jahren war eine umfangreiche Laborausstattung nötig, um die Glukosekonzentration im Blut messen zu können, und eine Analyse dauerte zwei Tage. Die Labormediziner entnahmen bis zu einem Viertelliter Blut und gingen mit Zentrifuge und größeren Mengen flüssiger Reagenzien zu Werke, die sie in großen Kolben kochten. Kein Wunder, dass man damals den Diabetes oft noch für eine Erkrankung der Nieren hielt, denn schließlich kann man den Zuckergehalt des Urins viel leichter, unter anderem schon am Geschmack feststellen.

Im Jahre 1910 erzielte der schwedische Wissenschaftler Ivar Christian Bang einen ersten Durchbruch, indem er den Zuckergehalt in nur wenigen Tropfen Blut bestimmen konnte. Das umständliche und zeitraubende chemische Analyseverfahren blieb jedoch erhalten. 1928 entdeckte dann Dr. Detlef Müller in Kopenhagen die Glukoseoxidase, ein Enzym, das aus Glukose die Chemikalie Wasserstoffperoxid herstellen kann. Dieser Stoff reagiert mit weiteren Reagenzien zu blau gefärbten Produkten. Je mehr Glukose vorhanden ist, desto dunkler ist die Färbung, was eine Abschätzung der Zuckerkonzentration ermöglicht.

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Erster Bluttest eher Schätztest

Damit war im Prinzip die Grundlage für die Blutzuckerselbstkontrolle gelegt, allerdings sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis entsprechende Teststreifen allgemein verfügbar waren. So musste man erst lernen, handliche Teststreifen herzustellen, auf denen die Reaktion ablaufen konnte. Das gelang erst in den 1950er-Jahren. Zunächst wurden aber auch die Teststreifen nur zur Bestimmung von Zucker im Urin eingesetzt, 1965 kam dann mit dem "Dextrostix" ein erster Streifen zur Blutzuckerbestimmung auf den Markt. Eigentlich sollte man eher von Schätzung sprechen, denn die Blaufärbung des Streifens musste mit einer Farbskala verglichen werden, die nur ungefähre Angaben zuließ. Die Farbtiefe automatisch und präzise auszuwerten, lernte man einige Jahre später. Ein erstes transportables Messgerät, das "Ames Reflectance Meter", kam 1969 auf den Markt. Es war über ein Kilogramm schwer und nur für Arztpraxen gedacht.

Ärzte lange nicht begeistert

Die Idee, solche Geräte auch für die Selbstkontrolle einzusetzen, hatte schließlich ein Diabetiker, der im Alter von fast 50 Jahren noch Medizin studierte, um sein Anliegen glaubhaft vertreten zu können. Tatsächlich war weniger die Technik als die Einstellung der damaligen Ärzte ein Hindernis für die Verbreitung der Blutzuckerselbstkontrolle. So hielten es die Mediziner noch bis Ende der 1970er-Jahre für unnötig, ja schädlich, Patienten für den Umgang mit ihrer Krankheit Verantwortung zu übertragen. Urin- und erst recht Blutzuckertests seien zu zeitaufwendig und machten den Patienten überängstlich, waren beliebte Argumente.

Eine Blutzuckerkontrolle ist natürlich auch nur dann sinnvoll, wenn der Patient auf die Ergebnisse gleich reagieren und seine Insulindosis anpassen kann. Doch an die Vorstellung, dass Patienten die Dosierung eines Arzneimittels teilweise selbst bestimmen, konnten sich manche Mediziner nur schwer gewöhnen. Überzeugende Studienergebnisse Ende der 1980er-Jahre nahmen dann Ärzten ihren Argwohn, und immer kleinere und leichter zu bedienende Geräte taten ein Übriges, dass Blutzuckerselbstkontrollen heute selbstverständlich sind.

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