Wissen

Strategien

An Lende und Hals zeigen sich die Folgen von lebenslanger Belastung der Wirbelsäule am häufigsten. Die Gründe: Fehlhaltung und permanentem Stress, von Bewegungsmangel und Übergewicht. Aber auch der normale Alterungsprozess macht Knochen, Knorpeln und Sehnen zu schaffen. Dem Verschleiß lässt sich jedoch gegensteuern.

Seit sich die Vorfahren des Menschen einst zum Gang auf zwei Beinen aufrichteten, verschob sich die Statik des gesamten Rückens. Dadurch entstand eine besonders empfindliche Stelle am unteren Ende der Wirbelsäule unmittelbar über dem Kreuzbein. Auf diesem Punkt im Lendenbereich, nur wenige Quadratzentimeter groß, ruht das gesamte Gewicht des Oberkörpers. Man stelle sich vor: Wer einen Gegenstand von zehn Kilogramm mit weit vorgebeugtem Oberkörper hebt, der belastet die unteren Bandscheiben mit rund 300 Kilogramm!

Eingebettet sind Kreuzbein und Lendenwirbel in ein Gewebe, von dem man meinen könnte, die Natur hätte einen Fehler gemacht: faserknorpelige Bandscheiben, keilförmig eingequetscht, schlecht ernährt und geschunden von Schub- und Scherkräften, die so stark sind, dass schon im Jugendalter der Abbauprozess beginnt. Kein Wunder also, dass fast jeder schon einmal Bekanntschaft mit Rückenschmerzen gemacht hat.

Anzeige

Hexenschuss und Bandscheibenvorfall

Tritt der Kern der Bandscheibe aus und drückt auf einen Nerv, schießen blitzartig Schmerzen in die Lendengegend ein. Der Volksmund nennt das Hexenschuss. Eine reflexartige Muskelverspannung zwingt den Betroffenen, eine gekrümmte Schonhaltung einzunehmen. Ein Bandscheibenvorfall ist ungleich heftiger: Dann drücken Teile der mürbe gewordenen Bandscheibe auf das Rückenmark, und die Schmerzen können zusätzlich von Gefühlsstörungen und Lähmungen im Bein bis hinunter zu den Zehen begleitet werden. Dann ist umgehend ein Besuch beim Arzt angesagt.

Auch der Ischiasschmerz setzt meist schlagartig ein. Er unterscheidet sich jedoch vom Hexenschuss vor allem dadurch, dass er nicht auf den Rücken begrenzt bleibt, sondern bis ins Bein ausstrahlt. Grund des Übels ist eine Reizung des Ischiasnervs, der vom Becken bis zum Fuß zieht, weil etwa eine verlagerte Bandscheibe oder eine Muskelverspannung den Nerv reizen.

Nicht den Hals riskieren

Muskelverspannungen sind häufig Auslöser für schmerzhafte Halswirbelsäulen-(HWS-)Syndrome. Die Halswirbelsäule ist der beweglichste Teil der menschlichen Zentralachse und hält die Verbindung zwischen Kopf und Rumpf. Eintönige und unnatürliche Haltung dürften für eine große Zahl von HWS-Syndromen verantwortlich sein. Viele Menschen arbeiten am Schreibtisch, am Computer und an Fertigungsmaschinen mit ständig vorgeneigtem Kopf. Und die von Klimaanlagen erzeugte Zugluft tut ihr Übriges, um Muskelstränge zu verhärten. Verspannte Muskeln können Schmerzen auslösen, die bis in Arme, Kopf und Brustbein ausstrahlen.

Erste Vorboten für dauernde Lenden- und Halswirbelsäulenprobleme sind ein Ziehen im Nacken, zwischen den Schulterblättern oder im Kreuz. Hohlkreuz, Rund- oder Flachrücken sollten in jungen Jahren möglichst in der Rückenschule oder mit Krafttraining korrigiert werden. Sportarten, die die Rücken- und Bauchmuskulatur stärken, sind zum Beispiel Walking, Rückenschwimmen, Wandern, Skilanglauf, Tanzen und Reiten.

Die vier wichtigsten "Schmerz-weg"-Strategien

Oberstes Gebot bei der Therapie von Rückenschmerzen ist zu verhindern, dass sie chronisch werden, also nicht mehr dauerhaft weggehen. Das Nervensystem darf den Schmerz nicht lernen, sonst etabliert sich eine Schmerzspur, das sogenannte Schmerzgedächtnis. Es wird dem Betroffenen auch dann Schmerz vorgegaukelt, wenn gar kein Auslöser mehr da ist.

Ob akuter Rückenschmerz chronisch wird oder nicht, scheint vielfach von persönlichen Gegebenheiten abzuhängen. 80 bis 90 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen weisen Symptome einer leichten Depression auf. Und auch solche, die beruflich oder privat permanent unter starkem Druck stehen, scheinen alle Spannungen auf ihrem Kreuz abzuladen. Daneben ist es nicht unerheblich, wie jemand mit seinen Schmerzen umgeht. Wer seine Beschwerden bagatellisiert, Haltung bewahren und in Konfliktsituationen Rückgrat beweisen will, der verkrampft sich noch mehr. Genauso falsch ist die verständliche Reaktion vieler Patienten mit akuten Rückenschmerzen, sich zu schonen. Das Gegenteil ist richtig, wie Schmerztherapeuten stets aufs Neue betonen. Wer Kreuzschmerzen hat, soll sich viel bewegen und seine Rückenmuskulatur gezielt auftrainieren, um Rückfällen vorzubeugen. Bettruhe ist nur für maximal zwei Tage angesagt.

Meist verschwinden plötzlich auftretende Rückenschmerzen von selbst wieder, auch wenn sie nicht behandelt werden. Hält die Pein mehrere Tage an, braucht der schmerzgeplagte Patient vor allem eins, und das möglichst rasch: eine schnelle, ausreichend starke und anhaltende Schmerzlinderung. Oberstes Gebot in der Schmerztherapie ist, die Medikamente nie nach Bedarf, sondern immer nach der Uhrzeit einzunehmen. Dazu vorher die Einnahme genau mit dem Arzt und Apotheker besprechen. Der Schmerz darf nie durchbrechen. Nur durch diese konsequente Strategie kann man verhindern, dass sich der Schmerz in das Gedächtnis eingräbt.

Sind die Beschwerden leichterer Natur, helfen Schmerzmittel wie Paracetamol, Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac oder Celecoxib. Ein weiterer Arzneistoff, der den Schmerz zuverlässig bekämpft und die Muskulatur entspannt, ist Flupirtin. Lässt sich der Schmerz auf diese Weise nicht ausreichend eindämmen, verordnet der Arzt stärkere Schmerzmittel, sogenannte Opioid-Analgetika.

Patienten mit chronischen Rückenschmerzen dürften zusätzlich von einer Therapie mit pflanzlichen Präparaten profitieren. Extrakte aus Weidenrinde, Brennnessel oder Teufelskralle sowie eine Extraktkombination aus Eschenrinde, Zitterpappel und echtem Goldrutenkraut haben ihre Wirksamkeit in klinischen Studien bewiesen. Vorteil der pflanzlichen Schmerzmittel ist, dass sie mit weniger unerwünschten Wirkungen aufwarten als die chemisch-synthetischen Präparate. Allerdings setzt der schmerzhemmende Effekt nicht prompt, sondern erst nach rund zwei Wochen ein. Deshalb eignen sich die pflanzlichen Mitteln nicht bei akuten Schmerzen.

Arzneimittel sind nur ein Baustein der Behandlung von Rückenschmerz-Patienten. Krankengymnastik und Verhaltenstherapie spielen eine bevorzugte Rolle, auch wenn die Physiotherapie mit Massage, Bewegungs- und Thermoanwendungen oft als Gefälligkeitsmedizin abgetan wird. Gezielte Krankengymnastik stärkt das Muskelkorsett. Nur trainierte Muskeln können das Skelett entlasten.

Als wohltuend und schmerzlindernd empfinden die Patienten bei akuten Rückenschmerzen vor allem Wärme in Form von Rotlicht, Fangopackungen oder Bädern. Ein warmes Vollbad mit entspannend wirkenden ätherischen Ölen lockert verkrampfte Muskeln. Das gilt auch für Schmerz- und Wärmepflaster. Aber Vorsicht: Verstärkt Wärme die Schmerzen, sollte der Arzt befragt werden. Es könnten entzündliche Prozesse beteiligt sein.


Apotheke finden

Tagsüber
Notdienst
Alle Inhalte
schließen