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Schilddrüsenerkrankungen

Die Überfunktion der Schilddrüse, fachsprachlich Hyperthyreose, und die Unterfunktion der Schilddrüse, genannt Hypothyreose, dürften die häufigsten Probleme dieses Organs darstellen. Lesen Sie mehr darüber im aponet.de-Gesundheitslexikon:

Behandlung: Schilddrüsenerkrankungen

Wie Fachärzte die Diagnose einer Schilddrüsenerkrankung stellen und die Behandlung planen, erklärt der Hormonexperte und Ärztliche Leiter des Endokrinologikums in Frankfurt am Main, Dr. med. Alexander Mann: "Typischerweise erfolgt die Diagnose bei Verdacht auf ein Schilddrüsenleiden durch eine Kombination aus körperlicher Untersuchung, Befragung und Ultraschalluntersuchung, um zu beurteilen, wie es dem Patienten geht." Dazu kommen verschiedene Blutuntersuchungen. "An erster Stelle steht der sogenannte TSH-Wert im Blut. TSH – das Kürzel steht für Thyreoidea stimulierendes Hormon – ist deshalb so wichtig, weil dieser Botenstoff aus der Hirnanhangsdrüse wie eine Stellschraube für die Schilddrüse wirkt und sie steuert. Ist der TSH-Spiegel im Blut zu hoch, weist das auf einen Mangel an Schilddrüsenhormon hin. Für den TSH-Wert legt der Arzt nach der Diagnose des Schilddrüsenleidens einen Zielbereich fest, der durch die Behandlung erreicht werden soll. Dieser Bereich kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein."

Die "Stellschraube" der Schilddrüse umstellen

Um den TSH-Wert gut einzustellen, ergänzt man bei einem hohen TSH Schilddrüsenhormon von außen in Form von Tabletten. Dies unterdrückt die überbordende TSH-Produktion im Gehirn. Hat sich der Zustand der Schilddrüse gebessert, kann man möglicherweise die Zufuhr von Schilddrüsenhormon wieder beenden.

Doch bis dahin ist Geduld vonnöten, betont Dr. Mann: "Wir reden hier über eine Behandlung, die häufig Monate, typischerweise mehrere Jahre dauert." Und nicht immer führt die Behandlung zum Erfolg. Dann muss möglicherweise operiert werden, um die Schilddrüse teilweise oder ganz zu entfernen oder der Patient unterzieht sich einer sogenannten Radiojodtherapie, bei der Gewebe der Schilddrüse zerstört wird. Das ist nötig, wenn Beschwerden durch ein Schilddrüsenleiden zu stark werden oder Krebsverdacht besteht. Ohne die Drüse oder nur mit einem Rest davon muss man lebenslang Schilddrüsenhormone einnehmen, da diese nun nicht oder nicht mehr ausreichend im Körper selbst hergestellt werden.

Den persönlichen "Wohlfühl-TSH" finden

Allein mit der festen Einstellung des TSH-Blutspiegels auf einen rechnerischen Idealwert ist es bei der Hormonbehandlung nicht getan, weiß Dr. Mann: "Der TSH-Idealwert wird nur unter der Voraussetzung angestrebt, dass sich der Patient damit wohlfühlt. Nicht alle Patienten haben aber den gleichen 'Wohlfühl-TSH', wie ich es nenne." Hier ist Fingerspitzengefühl notwendig. Bis die richtige Dosis an Schilddrüsenhormon zur Einstellung des TSH-Wertes gefunden ist, dauert es im Durchschnitt einige Monate.

In dieser Zeit sind Kontrollen notwendig, die aber nicht in zu engen Abständen erfolgen. Dr. Mann: "Liegt etwa eine Unterfunktion vor und beginnt man eine Behandlung, wird der Arzt normal erst nach sechs Wochen den TSH-Wert überprüfen. Der Grund ist, dass es Zeit braucht, bis sich mit den Medikamenten im Körper ein Gleichgewicht einstellt. Das Schilddrüsenhormon T4 hat im Körper eine Halbwertszeit von etwa fünf bis acht Tagen. Wir sprechen also über ein System, das eher träge reagiert." Daher braucht man auch Geduld bei notwendigen Anpassungen der Dosis. "Bei einer schweren Schilddrüsenunterfunktion zum Beispiel merken die Patienten bei einer Anpassung ihrer Hormondosis zwar nach wenigen Tagen bis einer Woche, dass es ihnen besser geht. Trotzdem ist die Unterfunktion dann noch nicht komplett ausgeglichen." Liegt der TSH-Wert bei der Kontrolle schließlich im gewünschten Bereich und geht es dem Patienten gut, verlängern sich die Kontrollabstände.

Die Schilddrüse ist wie ein Chamäleon

Kompliziert wird die Einstellung auch durch die unterschiedliche Empfindlichkeit der Patienten für Schwankungen der Schilddrüsenhormone: "Ich habe Patienten mit schwersten Unterfunktionen, die vor mir sitzen und sagen 'Mir geht es gut#. Und wir haben Patienten mit ganz leichten Abweichungen, die massive Beschwerden beklagen. Ein bisschen ist die Schilddrüse wie ein Chamäleon. Daher muss man individuell reagieren."

In einigen Fällen dient neben oder statt Schilddrüsenhormonen auch Jod beziehungsweise Jodid zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen. Dr. Mann stellt dazu aber klar: "Wurde die Schilddrüse entfernt, muss der Patient Schilddrüsenhormon einnehmen. Eine Jodbehandlung hilft dann nichts, denn es ist ja keine Schilddrüse mehr da, die Jod für die Hormonproduktion verwenden kann. In der Situation einer Schilddrüsenentzündung mit einer Unterfunktion würde Jod in der Regel überhaupt nicht helfen, möglicherweise sogar schaden, indem es eine Verschlechterung oder sogar eine Überfunktion auslöst."

Ist ausgeprägter Jodmangel Ursache eines Schilddrüsenleidens, empfiehlt Dr. Mann zu Anfang eine kombinierte Schilddrüsenhormon- und Jodgabe, um dem Patienten eine schnellere Erholung zu ermöglichen. "Wenn sich die Schilddrüsenveränderung normalisiert hat, und der Jodmangel ist die Ursache, kann man das Schilddrüsenhormon wieder absetzen und im nächsten Schritt allein mit Jod weiterbehandeln."

Auch wenn die Schilddrüse nur teilweise entfernt wurde, kann Jod helfen. "Ein häufiger Fall ist, dass eine Schilddrüsenseite entfernt wurde und die andere noch da ist. In so einer Situation kann es sein, dass der Patient einfach nur mehr Jod braucht." Das muss im Einzelfall der behandelnde Arzt klären. Zur Selbsthilfe darf man dabei nicht greifen, was für die Behandlung von Schilddrüsenkrankheiten grundsätzlich gilt. Diese gehört stets in die Hände erfahrener Ärzte.

Was veränderte Blutwerte Schilddrüsenhormone besagen

fT3 fT4 TSH Bedeutung  
normal normal normal Die Schilddrüse funktioniert normal.  
erhöht erhöht erniedrigt Schilddrüsenüberfunktion  
erniedrigt erniedrigt erhöht Schilddrüsenunterfunktion  
normal normal erniedrigt unterschwellige Schilddrüsenüberfunktion  
normal normal erhöht unterschwellige Schilddrüsenunterfunktion  

TSH: Thyreoidea stimulierendes Hormon (es stammt aus der Hirnanhangsdrüse und treibt die Produktion der Schilddrüsenhormone an)
fT3: freies Trijodthyronin (aktives Schilddrüsenhormon)
fT4: freies Tetrajodthyronin (weniger aktive Vorstufe von T3)

Die hier aufgeführten Blutwerte geben ersten Aufschluss, sind aber nicht die einzigen notwendigen Untersuchungen. Um beispielsweise Hinweise auf autoimmune Schilddrüsenerkrankungen wie Morbus Basedow oder die Hashimoto-Thyreoiditis zu bekommen, werden spezielle Antikörper (AK) im Blut gemessen (TPO-AK, Tg-AK, TRAK). Auch Ultraschall-, Röntgen- oder Gewebsuntersuchungen sowie nuklearmedizinische Verfahren können notwendig sein, um die Ursachen einer Schilddrüsenfehlfunktion zu ergründen.

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