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Wie Magen und Darm funktionieren

Stellen Sie sich vor, Ihr Auto besäße dort, wo sich normalerweise der Tank befindet, nur einen großen Versorgungsschacht. Dort hinein müssten Sie vor einer Fahrt einfach ein paar Gartenabfälle, alte Joghurtbecher oder Teppichreste geben und noch etwas Regenwasser dazugießen. Sofort würde modernste Technik im Inneren des Wagens die zugeführten Materialien zu Treibstoff, Schmiermittel, Kühl- und Scheibenwaschwasser aufbereiten.

Sie bräuchten sich nur ans Steuer zu setzen und loszufahren. Alle nicht verwertbaren Stoffe gäbe der Wagen am Ende in umweltfreundlicher Form wieder ab. Klingt traumhaft, nicht wahr? Der Frust wegen zu hoher Benzinpreise gehörte endgültig der Vergangenheit an.

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Mahlwerk mit Biss

Was beim Auto völlig utopisch erscheint, schafft der menschliche Körper dank seines Magen-Darm-Trakts seit Jahrmillionen. Ob vergorener Obstsaft, saure Nierchen oder Blauschimmelkäse: Der Mensch isst und trinkt alles, was auch nur annähernd genießbar erscheint, und der Körper gewinnt daraus Baustoffe und genug Energie für Höchstleistungen. Ein genauerer Blick in den Magen-Darm-Trakt enthüllt, wie das möglich ist.

Alles beginnt im Mund: Die Zähne zerkleinern die Nahrung grob, härtere Brocken zermahlen sie. Währenddessen geben die Speicheldrüsen, die durch das Kauen und den Geschmack der Nahrung stimuliert werden, dünnflüssiges Sekret ab, damit ein Speisebrei entsteht. So können die Nahrungsbrocken leichter geschluckt werden und die Speiseröhre zum Magen ohne Probleme passieren. Der Speichel enthält darüber hinaus auch Enzyme, die bereits im Mund beginnen, die Kohlenhydrate aufzuschließen und somit vorzuverdauen.

Der Magen besteht zum größten Teil aus Muskeln. Mit kräftigen Bewegungen zerkleinert er die Nahrung, vermischt sie mit dem stark sauren Magensaft und schiebt den Brei Richtung Dünndarm. Aber wie schaffen es seine säureempfindlichen Muskeln, bei dem ständigen Säurebad selbst unbeschadet zu bleiben? Eine dicke Schleimschicht schützt die Magenwand. So kommen die Muskelzellen nicht mit der ätzenden Flüssigkeit in Berührung, es sei denn, diese Schicht ist angegriffen. Dann attackiert die Säure auch den Magen, und auf längere Sicht können daraus schmerzhafte Magengeschwüre entstehen.

Obwohl die Magensäure auch Eiweiße zersetzt, besteht ihre Hauptaufgabe nicht in der Verdauung. Sie sorgt vor allem dafür, dass Krankheitserreger abgetötet werden. Darüber hinaus ermöglicht erst das saure Milieu des Magens, dass die Substanz Pepsinogen, die in Zellen der Magenwand produziert wird, zu Pepsin umgewandelt wird. Dieses Enzym leitet die Eiweißspaltung ein.

Magen

Aufbau des Magens mit verschiedenen Muskelschichten.
© J. Hofmann/SIGN

Im Dünndarm geht's richtig los

Der saure Speisebrei gelangt in kleinen Portionen durch den Pförtner am Magenausgang in den Zwölffingerdarm, den obersten Teil des Dünndarms. Sein Name bezieht sich auf die Länge dieses Darmabschnittes, denn sie entspricht etwa zwölf nebeneinanderliegenden Fingern. Dort wird die Magensäure durch Bikarbonat aus dem Saft der Bauchspeicheldrüse neutralisiert. Eine ganze Reihe von Enzymen aus der Bauchspeicheldrüse und der Galle starten nun im Dünndarm die eigentliche Verdauung: Sie zerlegen die bereits angegriffenen Eiweißketten in ihre einzelnen Aminosäurebausteine. Die Kohlenhydrate trennen sie in kleinste Zuckereinheiten, und auch die Fettmoleküle werden in ihre Grundbestandteile zerschnitten.

Erst in dieser zerkleinerten Form ist es möglich, dass die Nährstoffe durch die Dünndarmwand in den Blutkreislauf übertreten können. Teilweise geschieht das automatisch, doch manche Nährstoffe können die Barriere nicht von selbst passieren, sie müssen regelrecht aus dem Darm herausgepumpt werden. Auch ein großer Teil des Wassers, der Vitamine und der Mineralien wird vom Dünndarm aus ins Blut geschleust.

Damit die wichtigen Nährstoffe möglichst komplett der Nahrung entzogen werden können, besitzt der Dünndarm eine sehr große Oberfläche: Bei einer Länge von etwa vier bis fünf Metern bringt er es dank vieler Falten, Aus- und Einstülpungen auf stattliche 200 Quadratmeter Kontaktfläche. Ausgebreitet entspricht das fast der Größe eines Tennisplatzes!

Dickdarm: Lebensraum für unzählige Bakterien

Am Ende des Dünndarms sind von der Nahrung fast nur noch unverdauliche Reste übrig geblieben, die durch wellenartige Muskelkontraktionen der Darmwand immer weiter vorgeschoben werden. Schließlich erreichen sie die letzte Etappe auf der Tour durch den Körper – den Dickdarm. Seine Hauptaufgabe besteht darin, dem Verdauungsbrei weiter wertvolles Wasser und Vitalstoffe zu entziehen und ihn so einzudicken.

Im Gegensatz zum Magen, der durch seinen stark sauren Saft (fast) alle Mikroorganismen abtötet, besiedeln den Dickdarm bis zu 400 verschiedene Bakterienarten. Das ist völlig in Ordnung, denn sie helfen dem Körper bei der Verdauung, indem sie viele vorher nicht verdaute Reste aufschließen und auch Vitamin K bilden.

Darüber hinaus unterstützen sie das Immunsystem, denn eine der größten Gruppen der Darmflora, die Bifidobakterien, sorgen für ein saures Milieu im Dickdarm. Sie halten damit den Anteil der Fäulnisbakterien möglichst klein, damit deren Abbauprodukte den Menschen nicht krank machen. Zusätzlich verdrängt eine gesunde Darmflora schädigende Keime und Pilze.

Daher gilt es, diese kleinen Helfer zu hegen und zu pflegen, was vor allem mit ausgewogener Ernährung gelingt. Der Darm freut sich auch über probiotische und präbiotische Kost. Probiotische Nahrungsmittel, zum Beispiel viele Joghurts, enthalten lebende Bakterienkulturen, die sich nach dem Verzehr im Darm ansiedeln sollen. Präbiotische Lebensmittel liefern dagegen bestimmte Nährstoffe, die besonders den gesunden Keimen der Darmflora als Nahrung dienen.

Am Ende des Tunnels

Was am Ende der Reise über den Mastdarm das Tageslicht erblickt und in der Toilette verschwindet, besteht weitestgehend aus dem wenigen Unverdaulichen, das aus der ursprünglichen Nahrung stammte. Rund drei Viertel des Stuhlgewichts geht auf das Konto von Wasser, und etwa ein Zehntel machen Bakterien und abgestorbene Zellen der Darmschleimhaut aus.

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