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Apotheker berät Kundin

Die Belastungen der Apotheker werden immer größer. Ein Beispiel dafür ist der umfangreichere Beratungsbedarf aufgrund der Rabattverträge.
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Mi. 01. August 2012

Apotheker: "Ganz schlechter verspäteter Aprilscherz"

Mit einem arg verspäteten Aprilscherz sehen sich derzeit die Apotheker in Westfalen-Lippe konfrontiert: Angeblich gnädige 25 Cent pro verschreibungspflichtiger Packung wollen Bundesgesundheits- und Wirtschaftsministerium den Apotheken zusätzlich geben. Nach neun Jahren ohne Honoraranpassung.

Verärgert reagiert René Graf, Vizepräsident der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, auf die Vorlage der Ministerien: "Das kann nur ein schlechter Scherz sein. Würde man das den Lokführern anbieten, stünde unser Land neun Jahre lang still." Statt des verspäteten Aprilscherzes fordert Graf rund das Vierfache. Viele auferlegte Verwaltungs- und Dokumentationsarbeiten, die Apotheker für die Krankenkassen erledigten, verursachten Mehrkosten, betont Graf. "Und uns bietet man nicht mal einen Inflationsausgleich an. Faktisch brauchen wir 9,14 Euro." Selbst dann seien die Apotheken nicht die Kostentreiber. Nur 2,3 Prozent der Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung gingen 2011 an die Apotheken.

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Auch Niedersachsens Apotheker wehren sich gegen den Vorschlag zur Honoraranpassung. "Eine Erhöhung von 25 Cent nach acht Jahren ohne Anpassung ist völlig unzureichend", sagt Heinz-Günter Wolf, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen e.V. Denn während Aufwand und Kosten in den letzten Jahren erheblich gestiegen sind, blieb die Honorierung unverändert bei 8,10 Euro. Gleichzeitig haben der Beratungsbedarf und der Personalaufwand, zum Beispiel aufgrund der Rabattverträge, erheblich zugenommen.

Das im Januar 2011 in Kraft getretene Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) hat die wirtschaftliche Situation der niedersächsischen Apotheken, besonders in den ländlichen Regionen, deutlich beeinträchtigt. Insbesondere die aus dem AMNOG resultierende Verschlechterung der Großhandelskonditionen hat die wirtschaftliche Lage für die Apotheken vor Ort noch verschärft. Zudem werden der Nacht- und Notdienst, die Herstellung von Rezepturen und die Abgabe von Betäubungsmitteln seit Jahren nicht mehr leistungsgerecht bezahlt.

Die Folge: Immer mehr niedersächsische Apotheken kämpfen um das Überleben. Derzeit gibt es in Niedersachsen rund 2.054 Apotheken. Im Jahr 2004 waren es noch 2.094 Apotheken. Auch in Westfalen-Lippe sank die Zahl der Apotheken: im Jahr 2011 von 2.203 auf 2.184. Dieser Negativ-Trend setzt sich auch im laufenden Jahr fort. 29 Schließungen stehen dort zehn Neueröffnungen gegenüber. "Das ist der niedrigste Wert seit 25 Jahren", betont René Graf, "gerade auf dem Land tut das den Menschen weh."

Der Vorsitzende Wolf erklärt: "Das letzte Wort in dieser Sache ist noch nicht gesprochen. Jetzt sind wir alle gleichermaßen gefordert, der Politik klarzumachen, dass eine qualitativ hochwertige Versorgung durch die Apotheken vor Ort eine angemessene Vergütung erfordert."

In Deutschland ist die Honorierung der Apotheker in der Arzneimittelpreisverordnung geregelt: Sie besteht aus einem Fixum (8,10 Euro) und einem Festzuschlag (3 Prozent) pro abgegebener Packung – egal, ob das Medikament 20 oder 2000 Euro kostet. Diese Regelung ist seit 2004 unverändert. Davon abzuziehen ist ein Abschlag zugunsten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der durch das AMNOG auf 2,05 Euro erhöht worden ist. An den Zuzahlungen der Patienten verdienen Apotheken übrigens nicht, die werden direkt an die Krankenkassen durchgereicht.

Die Zeiten, in denen Apotheker automatisch wohlhabend sind, sind längst vorbei. Graf resümiert: "Zwar gibt es noch einige sehr gut laufende Apotheken, aber für die große Mehrheit wird der Spielraum immer enger. Viele Kollegen kämpfen schlichtweg ums Überleben. Wenn die Apotheken schließen, werden es die Patienten sein, die darunter leiden, keine wohnortnahe Apotheke mehr zu finden."

Apothekerkammer Westfalen-Lippe/Landesapothekerverband Nds. e.V.

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