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Die Blätter der Cannabispflanze enthalten unter anderem den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol.

Die Blätter der Cannabispflanze enthalten unter anderem den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol.
© Smithore - Fotolia.com

Sa. 02. Juni 2018

Cannabis: Wo es hilft und wann die Kasse zahlt

Cannabis wurde im März 2017 in Deutschland als legales Medikament zugelassen. Seitdem dürfen Ärzte schwerkranken Patienten Cannabispräparate zu therapeutischen Zwecken verordnen. Bei welchen Erkrankungen die Pflanze nachweislich helfen kann und wann die Krankenkasse die Kosten übernimmt, erklärte Apotheker Dr. Christian Ude auf dem pharmacon, einem Internationalen Fortbildungskongress für Apotheker in Meran, Italien.

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Wer die Schlagzeilen über Cannabis verfolgt, bekommt schnell den Eindruck, es handle sich um eine neue "Wunder-Droge", die zahlreiche Therapielücken schließen könnte. "Tatsächlich wirft ein genauer Blick auf die bisher veröffentlichten Studien zu Cannabis aber mehr Fragen auf, als er klare Antworten liefert", sagt Ude. Das liege unter anderem daran, dass bei der Bewertung der einzelnen Studien oft viele verschiedene Cannabis-Zubereitungen und Dosierungen miteinander vermischt werden. Aktuell wird Cannabis bei diesen Indikationen eingesetzt:

  • Multiple Sklerose: Hier gilt die Wirksamkeit als belegt, klinische Studien haben jedoch nur geringe Vorteile für den Patienten gezeigt. "Nur ein Teil der MS-Patienten spricht überhaupt auf Cannabis an", sagt Ude. Für Multiple Sklerose gibt es bereits seit 2011 ein Cannabis-Fertigarzneimittel mit einem standardisierten Cannabisextrakt, das als Spray in der Mundhöhle angewendet wird. Für MS-Patienten übernimmt die Gesetzliche Krankenkasse auch ohne vorherigen Antrag die Kosten.
  • Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie: Für Krebspatienten, die während einer Chemotherapie unter Übelkeit und Erbrechen leiden, gilt die Wirkung von Cannabis als belegt. Auch hier ist bereits ein Fertigarzneimittel zugelassen, das Nabilon enthält. Hierbei handelt es sich um synthetisch hergestelltes Tetrahydrocannabinol, den Hauptwirkstoff von Cannabis. Wenn alle anderen verfügbaren Therapien nicht anschlagen, übernimmt die Krankenkasse die Kosten.
  • Epilepsie: Bei einer seltenen Form von Epilepsie, die vor allem Kinder betrifft (Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom) haben erste Studien nachweisen können, dass Cannabidiol die Anzahl der Anfälle drastisch senken kann. Cannabidiol ist ein Bestandteil der Hanfpflanze mit einer nur geringen psychoaktiven Wirkung, es kann auch bei Kindern zum Einsatz kommen. Aktuell läuft eine Phase-III-Studie, die die Evidenz belegen soll.
  • Chronische und neuropathische Schmerzen: "Schmerzen sind der häufigste Grund für Patienten, Cannabis einzunehmen", sagt Ude. Viele Studien zeigen jedoch nur eine mäßige Wirksamkeit im Vergleich zu anderen Schmerztherapien, es gibt demnach nur eine mäßige Evidenz.

Folgende Anwendungsgebieten werden kontrovers diskutiert:

"Einzelnen Patienten mit diesen Krankheiten mag Cannabis vielleicht helfen, Studien zeigen aber kaum eine Wirksamkeit", sagt Ude. Zudem gibt der Apotheker zu Bedenken, dass Cannabis-Medikamente viele Nebenwirkungen hervorrufen können, gegen die sie eigentlich helfen sollten: zum Beispiel Übelkeit, Halluzinationen oder Depressionen.

Wann die Krankenkasse Cannabis zahlt

Nicht jeder Patient, dem sein Arzt Cannabis verordnet, bekommt die Kosten erstattet. "Bei den Fertigarzneimitteln ist die Lage eindeutig: Hier zahlt die Kasse, wenn das Rezept für Patienten mit Multipler Sklerose bzw. Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen ausgestellt wurde", sagt Ude. Werden die Medikamente off-label eingesetzt, also außerhalb dieser beiden zugelassenen Indikationen, müsse die Übernahme erst beantragt werden – genau wie bei allen anderen Cannabis-Rezepturen aus der Apotheke.

Die Erstattung ist geregelt im §31 im Sozialgesetzbuch V. Hier ist festgelegt, dass Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung Anspruch auf Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten haben, wenn

  • eine andere anerkannte Therapie nicht zur Verfügung steht oder wegen der zu erwartenden Nebenwirkungen im Einzelfall nicht angewendet werden kann,
  • eine Aussicht auf eine spürbar positive Wirkung besteht.

"Wichtig ist, dass die Genehmigung vor dem Beginn der Therapie vorliegt", sagt Ude. Ablehnen kann die Krankenkasse die Kostenübernahme nur in begründeten Ausnahmefällen.

NK

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