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Viele Diabetiker leiden unter Erektionsstörungen.

Erektionsstörungen sind in vielen Fällen psychisch bedingt. Manchmal stecken auch körperliche Ursachen dahinter.
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Bettgeflüster: So bleibt die Liebe lebendig

Diabetes macht vor dem Schlafzimmer nicht halt, was für viele Betroffene Probleme, Scham und Stressgefühle mit sich bringt. Das beste Gegenmittel: Reden.

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Es ist paradox: Das Thema Sex ist allgegenwärtig, aber wenn es Probleme mit der Lust gibt, herrscht Sprachlosigkeit. Jill Tammling, Sexualberaterin aus Westerholz, begegnet dieser Diskrepanz täglich – vor allem bei Männern. "Viele Männer fühlen sich sexuell unter einen enormen Leistungsdruck gesetzt. Probleme anzusprechen, kostet sie viel Überwindung." Ihre Klienten setzen Potenz so sehr mit der eigenen Männlichkeit gleich, dass das Erleben von Schwäche massiv am Selbstwert kratzt. Was genau schiefläuft, steht nicht im Vordergrund. "Vor allem kommt es darauf an, wie man zu der Problematik steht. Sieht man sich als Versager, hat das psychische und physische Auswirkungen." Ein Teufelskreis auch für Frauen, denn je mehr Druck Betroffene empfinden, desto mehr leidet die Libido. "Angst ist der Teufel für Eros."

Das kann Frauen helfen

Scheidentrockenheit und damit verbundene Missempfindungen sind die am häufigsten auftretende Sexualstörung bei Diabetikerinnen. Neben rezeptfreien Gleitmitteln helfen verschreibungspflichtige Estrogen-haltige Cremes.

Relativ neu ist die Behandlung der Schleimhaut der Vagina mit Licht, Wärme und Vibration. Mögliche Wirkungen sind neben verbesserter Kontinenz mehr Feuchtigkeit, Straffheit und Lustempfinden.

Sexualhormone können helfen, sofern ein klinisch relevanter Mangel vorliegt. Das gilt auch für Männer.

Ursachensuche

Diabetiker erleben sexuellen Frust besonders häufig. Ein Beispiel: Erektile Dysfunktion betrifft 25 Prozent der über 65-jährigen Männer mit gesundem Stoffwechsel, aber 90 Prozent der gleichaltrigen Diabetiker. Rat bei einem Arzt sucht nur jeder zehnte betroffene Mann – und das, obwohl es viele erfolgversprechende Therapien gibt. Bei den Frauen mangelt es an validen Zahlen, doch verschiedene Studien attestieren auch den Diabetikerinnen einen besonderen Handlungsbedarf.

Die Ursachen liegen auf der Hand: Eine schlechte Stoffwechseleinstellung begünstigt Gefäßschäden und hormonelles Ungleichgewicht, zwei Hauptfaktoren für sexuelle Probleme. Zusätzlich kommen häufig Medikamente wie Blutdrucksenker ins Spiel, die die Libido ebenfalls hemmen. Männer klagen meist über eine ausbleibende oder fragile Erektion, während Frauen vor allem an Scheidentrockenheit, mangelnder Lust, Entzündungen und daraus resultierenden Schmerzen beim Geschlechtsverkehr leiden.

Und selbst wenn solche Probleme nicht an erster Stelle stehen, hat der Blutzucker das Zeug zum Lustkiller. Stimmen die Werte nicht, leidet die Durchblutung der Genitalien unmittelbar. Lustempfinden oder Erektion bleibt oft aus. Das verursacht Stress, was wiederum den Blutzucker entgleisen lassen kann. Wer statt schöner Stunden immer wieder Hypo- oder Hyperglykämien erlebt, entwickelt nicht selten Vermeidungsstrategien, umschifft das Thema Sex also vorsichtshalber.

Hilfsmittel für Männer

Tabletten mit sogenannten PDE-5-Hemmern (Sildenafil, Vardenafil, Tadalafil und Avanafil) verstärken bei sexueller Erregung die Erektion und verlängern ihre Dauer. Die Therapie erfolgt in Absprache mit dem Facharzt. Einige Arzneistoffe wie etwa Herzmedikamente können zu starken Wechselwirkungen mit PDE-5-Hemmern führen. Für Menschen mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B. schwere Herzschwäche) eignen sich diese Präparate nicht.

Mit einer Vakuumpumpe, die man über den Penis stülpt und einen Unterdruck erzeugt, lässt sich eine Erektion auch rein mechanisch herbeiführen.

Bei der Schwellkörper-Autoinjektionstherapie ("SKAT") wird ein gefäßerweiterndes Medikament in den Penis injiziert. Ähnlich wirkt "MUSE"(Medicated Urethral System for Erection), hier gelangen Wirkstoffe via Tablette über die Harnröhre in den Körper. Die Erfolgsquote ist sehr hoch, allerdings wird die Anwendung teils als unangenehm empfunden.

Sogenannte Penis-Implantate lassen sich hydraulisch aufpumpen und führen so eine Erektion herbei.

Lösungsansätze

Der relativ junge Forschungszweig der Sexologie begegnet dem Thema interdisziplinär, berücksichtigt also sowohl körperliche als auch mentale Faktoren. Jill Tammling macht gerade ihren Abschluss beim ersten Sexologie-Jahrgang an der Universität Merseburg. Wenn sie bei ihren Workshops und bei Beratungen davon berichtet, trifft sie immer wieder auf Skepsis – gerade bei der Generation über 50. "Die Standardkritik lautet: Sex, das kann man doch."

Tatsächlich seien sich die meisten aber gar nicht im Klaren, was alles möglich ist, fügt sie hinzu. Das beginnt mit dem körperlichen Einmaleins. Die moderne Sexualwissenschaft kennt viele Übungen, besonders für den Beckenboden. Männliche Klienten sind nicht selten verdutzt, überhaupt einen Beckenboden zu besitzen, und kaum einer ahnt, was die Muskelschichten im Unterleib alles können. "Besonders der Levator ani, die innerste Schicht des Beckenbodens, hat großen Einfluss auf die Sexualität." Ihn kann man trainieren, mit Atem- und Körperübungen, mit Bewegung und Rhythmus und vor allem mit dem Spiel von Spannung und Entspannung. "Die Erfolge kommen, aber nicht von heute auf morgen", mahnt Tammling. "Das ist ein Prozess. Je früher man damit anfängt, umso besser. Aber man kann auch mit 65 noch viel bewirken."

Die von Klischees befreite Auseinandersetzung mit der Sexualität nimmt den Klienten die erste Last. Oft setzen sie zum Beispiel Sex mit Geschlechtsverkehr gleich und bewerten Erotik ohne Orgasmus als minderwertig. "Das ist aber nur ein kleiner Aspekt von Sex", so Tammling. Gerade Frauen empfinden solche Gespräche als entlastend – weil es endlich einmal nicht um Defizite, sondern um Möglichkeiten geht.

"Es gibt viele Gründe, keinen Sex zu haben, und Alter und Krankheit gehören definitiv dazu. Aber es gibt eben auch die sexuellen Fähigkeiten, und die kann man immer weiter entwickeln." In der Beratung finden dafür neben Einzelgesprächen vor allem Körper- und Atemübungen statt. Tammlings Credo: Je mehr Bewegung im Becken, desto eher entwickelt man von sich aus Begehren. Im Idealfall halten sich emotionale und genitale Impulse die Waage, erklärt sie. "Aber das muss man auch erst einmal verarbeiten, das hat viel mit Wiederholung zu tun."

Experimentierwillen

Neben den physischen Besonderheiten gibt es noch einen weiteren für die Sexualtherapie von Diabetikern relevanten Aspekt: "Chronisch Kranke müssen aufpassen, nicht alles auf die Krankheit zu schieben. Es ist leicht zu sagen: Ich habe keine Lust, weil ich Diabetes habe." Die Erkrankung und mögliche physische Folgen seien natürlich bedeutsam, betont sie, aber die Psyche, die sexuelle Biografie und die Paardynamik wiegen schwerer. Aus diesem Labyrinth führt kein 08/15-Weg heraus. Wer wirklich etwas ändern will, braucht Mut, Durchhaltewillen und Neugier. "Der einzige pauschale Rat, den ich geben kann: Gehe in Deinen Körper, probiere aus, was möglich ist. Es ist alles da, man muss es nur nutzen und sehen, ob es einem gefällt. Man hat sich, man hat eine Hand, und dann kann alles ausprobiert werden."

Angelika Brodde

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