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Eine Essstörung gehört immer in professionelle Behandlung.

Eine Essstörung ist eine Krankheit, die professioneller Hilfe bedarf.
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Psyche in Not: Essstörungen

Ein gestörtes Essverhalten ist in den meisten Fällen keine Lappalie. Diplom-Pädagogin Sigrid Borse, Leiterin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen, empfiehlt Angehörigen und Betroffenen, schnell zu reagieren.

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"Bei Essstörungen handelt es sich weder um einen Schlankheitstick noch um eine vorübergehende Pubertätskrise. Sie sind Ausdruck von tieferliegenden seelischen Problemen", stellt Borse im Gespräch mit der Neuen Apotheken Illustrierten klar. Es gibt unterschiedliche Arten von Essstörungen und auch Mischformen.

  • Anorexia nervosa: Hierbei handelt es sich um die sogenannte Magersucht. Betroffene essen in der Regel nur winzige Mengen. Zusätzlich nehmen sie manchmal auch Appetitzügler, Abführ- oder Entwässerungsmittel, um extrem schlank zu bleiben.
  • Bulimie: Wörtlich übersetzt bedeutet dies "Ochsenhunger". Jedoch hat sich eher der Ausdruck "Ess-Brech-Sucht" durchgesetzt. Das zentrale Merkmal einer Bulimie bilden Essattacken mit anschließendem Erbrechen. Um ihr Gewicht zu regulieren, übergeben sich die Betroffenen, treiben übermäßig Sport oder missbrauchen Abführmittel.
  • Binge-Eating-Störung: "Binge" kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie "schlingen". Auch bei diesem Krankheitsbild leiden die Betroffenen unter Heißhungerattacken. Allerdings ergreifen sie anschließend keine Gegenmaßnahmen. Die Essanfälle führen bei den Betroffenen häufig zu Übergewicht.

Zahlen und Gründe

Wie viele Menschen unter Essstörungen leiden, lässt sich schwer feststellen. Gerade bei Bulimie oder Binge-Eating fehlt oft eine eindeutige Diagnose. Die Magersucht betrifft etwa ein bis vier Prozent der Bevölkerung in Europa, weitgehend Frauen und Mädchen, aber auch bei Männern stellen Ärzte die Krankheit in den vergangenen Jahren häufiger fest. "Eine wesentliche und besorgniserregende Veränderung ist außerdem, dass die Betroffenen jünger werden. Zu uns kommen schon Kinder von unter zehn Jahren. Und je jünger eine betroffene Person, desto schwieriger ist auch oftmals der Verlauf der Erkrankung", gibt Borse zu bedenken.

Essstörungen entwickeln sich nicht aus einem einzigen Grund. Häufig stecken viele Faktoren dahinter, die zusammenwirken. Zur Erklärung von Essstörungen nutzen Experten heute ein bio-psycho-soziales Modell. Dabei spielen die genetische Veranlagung eine Rolle, aber auch biographische Faktoren wie persönliche Schicksalsschläge, die die Psyche belasten können. Außerdem beeinflussen soziokulturelle Faktoren laut Borse enorm. "Gerade auf jüngere Mädchen übt das heutige Schönheits- und Schlankheitsideal einen großen Druck aus. Hinzu kommt der Einfluss der sozialen Medien, in denen Jugendliche permanent Bilder von sich posten und dabei der Bewertung anderer ausgesetzt sind. Beschämende Kommentare haben massive Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und können zu einem Einstieg in Dauerdiäten führen", so Borse, die auch Vorsitzende des Bundesfachverbandes Essstörungen ist.

Auswirkungen

Bei Essstörungen handelt es sich um psychosomatische Erkrankungen, die sich aber auch auf die körperliche Gesundheit auswirken. "Bei einer Anorexie kann es zu Mangelerscheinungen und damit verbunden zu Wachstumsstörungen kommen. Bei Mädchen und Frauen bleibt die Periode aus. Aber auch alle Organfunktionen können bei schweren Verläufen in Mitleidenschaft gezogen sein", betont Borse. Die Bulimie könne wiederum zu Problemen im Magen-Darm-Trakt führen, das Erbrechen ziehe häufig Zahnprobleme oder die Schwellung der Speicheldrüsen nach sich.

Damit diese negativen Auswirkungen möglichst nicht zum Tragen kommen und die Essstörung nicht chronisch wird, empfiehlt es sich, möglichst schnell Hilfe zu suchen. Borse: "Es ist nie zu früh, sich Unterstützung zu holen. Und bei einer frühzeitigen Inanspruchnahme von medizinischer und therapeutischer Hilfe liegen die Heilungschancen bei Magersucht beispielsweise bei 70 bis 80 Prozent."

Unterstützung

Der erste Schritt obliegt häufig den Eltern oder nahestehenden Personen. Wer Veränderungen im Essverhalten oder Gewicht seines Kindes oder einer Freundin feststellt und sich Sorgen macht, sollte dies auch ansprechen. "Dabei möglichst keinen Druck auf die Betroffenen ausüben und keine Vorwürfe machen", rät Borse. Freunde sollte man motivieren, Hilfe anzunehmen. Eltern sollten mit Kindern frühzeitig Hilfe aufsuchen. Als erste Ansprechpartner eignen sich Kinder- oder Hausärzte, psychotherapeutische Praxen und auf Essstörungen spezialisierte Beratungsstellen. "Das Frankfurter Zentrum für Essstörungen bietet beispielsweise bundesweit Telefon- und Online-Beratung für Betroffene und Angehörige an", erklärt Borse und betont: "Man muss Essstörungen als eine Krankheit ernst nehmen und akzeptieren. Es ist kein Verhalten, das die betroffene Person ohne eine professionelle Unterstützung so einfach verändern kann."

Katrin Faßnacht-Lee

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