Sie sind in: Startseite Service Neue Apotheken Illustrierte Archiv 2018 1. Juni 2018 Blutkrebs: Den Feind im Körper erkennen

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Eine neue Therapie könnte Blutkrebs-Patienten helfen.

Eine neue Zelltherapie könnte die Behandlung von Patienten Blutkrebs deutlich verbessern.
© kasto - Fotolia

Blutkrebs: Den Feind im Körper erkennen

Krebs wäre kein Problem, wenn die Immunabwehr bösartige Zellen stets als Feinde erkennen würde. Leider funktioniert das nicht immer. Forscher können das Immunsystem jedoch mittlerweile gezielt gegen seine Feinde "aufrüsten", so dass es beispielsweise bestimmte Blutkrebsformen effektiver bekämpft.

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Bei Krebs greift die Immunabwehr des Menschen nicht immer konsequent durch. Einer der Gründe: Krebszellen sind eigentlich körpereigene Zellen, die das Immunsystem nicht angreifen soll. Zwar gibt es auch bei Krebszellen häufig Veränderungen, die sie für das Immunsystem "verdächtig" machen, und oft genug führt das auch zu ihrer Vernichtung. Doch Krebszellen können sich teils recht gut tarnen oder die Abwehrreaktionen des Immunsystems blockieren. Geschwächt ist es zwar grundsätzlich nicht, doch es bekommt seine
Feinde nicht richtig zu fassen.

Genau hierbei hilft dem Immunsystem eine neue Krebstherapie auf die Sprünge: die CAR-T-Zelltherapie. Dabei kommen bestimmte Abwehrzellen, T Zellen, in eine Art Trainingslager außerhalb des Körpers. Sie werden aus dem Blut der Patienten gewonnen und im Labor gentechnisch so verändert, dass sie besondere "Greifzangen" auf ihrer Oberfläche bilden. Diese Zangen tragen die wissenschaftliche Bezeichnung Chimäre Antigen Rezeptoren (CAR). Mit diesen Werkzeugen ausgerüstet können Abwehrzellen Blutkrebszellen gezielt wie einen Stier an den Hörnern packen. Nur sind die Hörner in diesem Fall auf der Krebszellhülle sitzende "Eiweißantennen". Im nächsten Schritt vermehrt man die mit den Greifzangen ausgestatten Abwehrzellen und gibt sie in großer Zahl dem Patienten zurück, damit sie in dessen Körper gezielt an Krebszellen andocken und deren Zerstörung einleiten können.

Bisher hat man vor allem Abwehrzellen mit Greifzangen passend für eine spezielle Eiweißantenne auf der Oberfläche von B-Zellen entwickelt – eine Gruppe weißer Blutkörperchen, die krebsartig entarten und dadurch verschiedene Formen von Blut- und Lymphdrüsenkrebs verursachen können. Die hier von Abwehrzellen festzuhaltenden "Hörner" beziehungsweise Eiweißantennen auf der B-Zell-Oberfläche nennen Forscher kurz CD19. Das Gute: Diese Eiweißantennen kommen praktisch nur bei B-Zellen vor. Daher greifen die im Labor dagegen ausgerüsteten Abwehrzellen auch nur B-Zellen an, und damit alle von ihnen abgeleiteten Krebszellen. Sonstiges Gewebe bleibt normalerweise unbeschadet.

Trotzdem gibt es einige unangenehme Nebeneffekte der CART-Zelltherapie: Die Abwehrzellen beseitigten mit den B-Zellen zugleich einen wichtigen Bestandteil des Immunsystems, denn B-Zellen bilden Antikörper. Daher werden Patienten anfälliger für Infektionen. Außerdem kann es durch den Angriff auf die B-Zellen zu einer starken Freisetzung von Stoffen in den Kreislauf kommen, die Entzündungen und Abwehrreaktionen im Körper antreiben. Die Folge ist ein den ganzen Organismus betreffendes, bedrohliches Syndrom mit Fieber, mangelnder Sauerstoffversorgung und Blutdruckabfall bis hin zu Schock und Herzstillstand. Zudem kann es zu Schäden im Nervensystem kommen. Daher muss man die Behandlung sehr sorgfältig steuern.

Andererseits zeigten sich bei vielen bisher durchgeführten Studien mit der neuen Therapie teils beachtliche Erfolge. So erreichte man in einer US-Studie, deren Ergebnisse im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, bei 83 von 101 Patienten, dass der Krebs durch die neue Therapie zurückging, bei 55 Patienten (54 Prozent) komplett. In der weiteren US-Studie bildete sich bei 16 von 28 Patienten (57 Prozent) nach sechs Monaten die Krebserkrankung völlig zurück. Das Besondere: In beiden Studien sind sehr schwer erkrankte Patienten mit Vorläufer-B-Zell-Leukämien behandelt worden, bei denen alle etablierten Therapien bereits ausgeschöpft waren.

Was man der neuen Technik zutrauen kann

Zu den Perspektiven, die die CAR-T-Zelltherapie bietet, sagte Professor Dr. Peter Bader, Leiter des Schwerpunktes Stammzelltransplantation und Immunologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt: "Diese neue Zelltherapie kann die Behandlung von Patienten mit akuten Leukämien verbessern und erfolgreicher machen. Im Besonderen für Patienten, die auf eine herkömmliche Chemotherapie nicht oder nur unzureichend ansprechen, könnte diese Therapieform eine neue Perspektive eröffnen."

Kein Wermutstropfen also? Bader: "Es ist noch ein weiter Weg, herauszufinden, wo diese Therapie ihren Platz im Behandlungskonzept von Patienten mit akuten Leukämien wirklich hat. Gegenwärtig ist noch unklar, über welchen Zeitraum die genetisch veränderten T-Zellen im Körper überleben. Gehen diese zu früh verloren, erleiden die meisten Patienten einen Rückfall. Gelingt es, dass die Zellen dauerhaft im Patienten verbleiben, so könnten diese Patienten von ihrer Erkrankung geheilt sein. Allerdings sind Leukämien in der Lage, Resistenzen zu entwickeln, die dem gezielten Angriff der T-Zellen entgehen. Gegenwärtig werden daher Weiterentwicklungen dieser Zellen untersucht, durch die sie nicht nur eine "Greifzange" erhalten, sondern zwei verschiedene, um noch mehr Zielstrukturen auf Leukämiezellen attackieren zu können." Und vielleicht ist das, so hob Bader hervor, künftig einmal nicht nur für Blutkrebs möglich: "Es ist denkbar, dass weitere CAR-TZelltherapien entwickelt werden, die auch gegen andere Tumorarten wirken könnten."

CAR-T-Zelltherapie noch in der Erforschung

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin in Frankfurt am Main ist übrigens derzeit das einzige Zentrum in Deutschland, an dem die CAR-T Zelltherapie für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit akuter lymphatischer B-Zell-Leukämie im Rahmen einer Studie angeboten wird. Bis jetzt ist die CAR-T-Zelltherapie noch Gegenstand der medizinischen Forschung. Daher ist sie noch nicht allgemein für mehr Krebspatienten verfügbar.

Dr. Frank Schäfer

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