Sie sind in: Startseite Service Neue Apotheken Illustrierte Archiv 2018 1. Juli 2018 Arzneimittel: Was bringt die Zukunft?

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Ein Experte erklärt, welche Medikamente kurz vor der Zulassung stehen.

Für die Behandlung von Migräne könnte es bald eine neue wirksame Therapie geben.
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Neue Arzneimittel: Was bringt die Zukunft?

Die Forschung sucht unermüdlich Ansätze für neue Arzneistoffe gegen die verschiedensten Krankheiten. Was davon das Zeug hat, in Zukunft unser Arsenal von Medikamenten zu bereichern, weiß Manfred Schubert-Zsilavecz. Er ist Professor am Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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Herr Professor Schubert-Zsilavecz, wie gut ist die Pipeline mit neuen Arzneistoffkandidaten derzeit gefüllt?

Ich würde sagen, die Pipeline ist nicht gut gefüllt. Mit Ausnahme einzelner Bereiche: Vor allem die Krebstherapie hat in den vergangenen Jahren mit vielen Innovationen überrascht. Dort ist die Pipeline nach wie vor voll, und ich gehe davon aus, dass wir wieder neue Therapieoptionen bekommen werden.

Was sticht dort im Moment heraus?

Wir sehen hier richtige Quantensprünge. Spektakulärstes Beispiel ist die sogenannte CAR-T-Zelltherapie. Dabei wird den Patienten im Rahmen einer individualisierten Therapie Blut entnommen. Daraus isoliert man bestimmte Immunzellen, die T-Zellen, und modifiziert sie genetisch. Das versetzt sie in die Lage, Oberflächenstrukturen von Tumoren zu erkennen und so die Tumorzellen unschädlich zu machen. Nach Zerstörung seines Immunsystems mit einer Hochdosis-Chemotherapie bekommt der Patient diese scharf gemachten T-Zellen wieder zugeführt. Man ertüchtigt also das Immunsystem mithilfe der modernen Molekularbiologie und Gentechnologie.

Für welche Krebsarten ist diese Behandlung anwendbar?

Momentan kommt sie nur gegen bestimmte Arten von Leukämie zum Einsatz. Die CAR-T-Zelltherapie ist bisher nicht geeignet für solide Tumoren. Aber auch dazu laufen bereits Tests. Wie die Ergebnisse ausfallen, kann man aber jetzt noch nicht einschätzen.

Ein weiteres dringendes Problem der heutigen Zeit ist die Antibiotikaresistenz. Besteht in nächster Zeit Aussicht auf neue Antibiotika, die als Reserve dienen können?

Ich sehe keinen ganz großen Hoffnungsschimmer am Antibiotika-Horizont. Neuentwicklungen lohnen sich wirtschaftlich für die Unternehmen kaum, denn die Präparate werden typischerweise nur über einen kurzen Zeitraum eingesetzt. Wichtig für die Entwicklung neuer Antibiotika ist, dass die Forschung neue Zielstrukturen entdeckt, über die sich das Bakterium vernichten lässt. Die wird es geben, da bin ich ganz sicher, aber dazu besteht ein großer Bedarf an Grundlagenforschung.

Direkt vor der Zulassung steht da im Moment gar nichts?

Keine signifikanten Durchbrüche. Es gibt den einen oder anderen neuen Lactamase-Inhibitor. Diese Wirkstoffe kombiniert man mit bestimmten Antibiotika. Sie sorgen dafür, dass die Antibiotika besser wirken. Aber eine ganz neue Antibiotikaklasse, die Problemkeime bekämpft, gibt es derzeit nicht.

Eine weitere, in der Öffentlichkeit viel diskutierte Krankheit ist die Alzheimer-Demenz. Alle Welt hofft auf eine Therapie.

Wir sind hier an einem Scheideweg. Alles, was wir in den vergangenen Jahren hoffnungsvoll gesehen und begleitet haben, hat sich in Wahrheit als nicht tauglich erwiesen. Die Alzheimerforschung der vergangenen zehn Jahre ist mehr oder weniger ein trauriges Kapitel, weil sie uns keinen wirklichen Erfolg gezeigt hat. Und das gilt es jetzt, nüchtern zu analysieren. Ich glaube, wir wissen noch immer nicht ganz genau, was Alzheimer wirklich auslöst und ausmacht. Und deshalb verstehen wir noch nicht, wo wir wirklich angreifen müssen. Die Ergebnisse der bisherigen Anti-Alzheimer-Medikamente zeigen das genau. Wir sind nicht auf dem richtigen Weg. Vielleicht müssen wir den Tisch komplett abräumen, uns von alten Ansichten trennen und ganz neu anfangen.

Wie sieht es mit positiven Entwicklungen aus? Auf welches Arzneimittel setzen Sie in nächster Zeit ganz besondere Hoffnung?

Es gibt eine Entwicklung, die ich mit großer Spannung erwarte. Sie betrifft die Prävention von Migräne und Migränekopfschmerzen. Jetzt gibt es eine neue Klasse von monoklonalen Antikörpern, die die Zahl der Migräneattacken pro Monat deutlich senken soll. Die Antikörper richten sich gegen einen Nervenbotenstoff, das CGRP, das eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Entzündung und Schmerz bei der Migräne spielt. Wenn sich die klinischen Daten erhärten, gehe ich davon aus, dass sich die Patienten in zehn Jahren so ein Präparat regelmäßig spritzenlassen können, um Migräneattacken vorzubeugen. Das könnte einschlagen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Apotheker Rüdiger Freund.

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