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Lieferengpässe treten nicht nur bei Medikamenten auf, sondern auch bei Impfstoffen.

Nicht nur Medikamente sind manchmal nicht lieferbar. Auch Impfstoffe können von Engpässen betroffen sein.
© iStock.com/mmg1design

Lieferengpässe bei Impfstoffen

Die wiederholt auftretenden Lieferengpässe im Arzneimittelbereich betreffen auch Impfstoffe. Wie es dazu kommt und wie die Engpässe behoben werden, erläutert Professor Dr. Isabelle Bekeredjian-Ding, Leiterin der Abteilung Mikrobiologie im Paul-Ehrlich-Institut (PEI).

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Frau Professor Bekeredjian-Ding, sind manche Impfstoffe verstärkt von Engpässen betroffen?

Bekeredjian-Ding: Generell könnte jeder Impfstoff einmal von einem Engpass betroffen sein – es gibt keinen pauschalen Grund. In den meisten Fällen gibt es jedoch Alternativimpfstoffe von anderen Herstellern. Ob es Engpässe gibt, wann Impfstoffe voraussichtlich wieder verfügbar und ob alternative Präparate vorhanden sind, dokumentiert das Paul-Ehrlich-Institut auf seinen Internetseiten unter www.pei.de/lieferengpaesse. Falls diese Informationen nicht vorliegen, erfolgt eine Verlinkung auf Handlungsempfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut in Berlin.

Welches sind die Ursachen für Engpässe?

Bekeredjian-Ding: Es kann verschiedene Gründe geben, zum Beispiel eine ungewöhnlich hohe Nachfrage durch eine erhöhte Reisetätigkeit wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Auch eine aktualisierte Empfehlung der Ständigen Impfkommission oder ein durch Medienberichte geschürtes Bewusstsein in der Bevölkerung zu neuen Impfstoffen erhöhen die Nachfrage. Da die Impfstoffproduktion aufwändig und langwierig ist, kann man nicht kurzfristig größere Mengen herstellen. Schon "einfache" Impfstoffe wie diejenigen gegen Grippe benötigen etwa ein halbes Jahr bis zur Fertigstellung. Eine andere Ursache kann in der Produktion selbst liegen, für die zahlreiche Qualitätsprüfungen vorgeschrieben sind. Wenn sich bei einer internen Prüfung zeigt, dass es in der Produktion beispielsweise zu einer Verunreinigung gekommen ist, muss daraufhin die gesamte Produktionseinheit vernichtet werden.

Impfstoffe gegen Pneumokokken

Lieferengpässe können durch erhöhte Nachfrage und die teils langwierige Impfstoffherstellung entstehen. Ein Beispiel: Pneumokokken-Impfstoff. Um durch Pneumokokken bedingten Komplikationen im Verlauf einer möglichen Covid-19-Erkrankung vorzubeugen, wurde der dafür nötige, aufwändig herzustellende Pneumokokken-Impfstoff häufiger gegeben und dementprechend knapper.

Was bedeutet das für Patienten mit Impfstoff-Bedarf?

Bekeredjian-Ding: In den meisten Fällen stellt ein Lieferengpass kein echtes Problem dar, weil es für fast alle Impfstoffe entsprechende Produkte anderer Hersteller gibt. Schwieriger wird es, wenn das Alternativprodukt fehlt oder es tatsächlich nur einen Hersteller gibt. Das ist bei dem inaktivierten Impfstoff gegen Gürtelrose der Fall. In diesen Fällen bitten wir die Ständige Impfkommission um eine Empfehlung, wie man verfahren sollte. Diese ist dann auf der Internetseite des Robert Koch-Institutes zu finden und in unserer Lieferengpass-Übersicht verlinkt. Für Patienten beziehungsweise Ärzte bedeutet ein Lieferengpass zunächst einmal, dass geplante Impfungen möglicherweise verschoben werden müssen. Das ist sicher unbequem und ärgerlich, lässt sich aber leider nicht immer vermeiden.

Wann wird eine Situation bedenklich?

Bekeredjian-Ding: Schwierig wird es, wenn ein echter Versorgungsengpass entsteht und man Menschen nicht impfen kann. Das konnten wir bisher immer verhindern: zum Beispiel bei dem Mitte 2016 lang andauernden Lieferengpass bei den 6-fach-Impstoffen für die Grundimmunisierung von Säuglingen und Kleinkindern. Durch eine Notfallverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit konnten die Bundesländer genehmigen, dass 6-fach-Impstoffe aus Frankreich und Italien nach Deutschland geholt werden. Das war möglich, da alle 6-fach-Impfstoffe eine zentrale Zulassung von der EU-Kommission haben. Damit konnte der Versorgungsengpass vermieden werden. Ähnlich war es in der Grippesaison 2019/2020: Hier wurden punktuell und regional fehlende Impfstoffe gemeldet. Letztlich stellte sich heraus, dass von den ursprünglich kalkulierten 15,7 Millionen benötigten Impfstoffdosen nur 14,7 Millionen verimpft wurden. Der tatsächliche Bedarf war also geringer als gedacht.

Können Apotheker hier etwas tun?

Bekeredjian-Ding: Das PEI bietet im Bereich der Übersicht zu Lieferengpässen auch ein Online-Formular. Mit diesem können uns Verbraucher, aber auch Ärzte und Apotheker melden, wenn sie einen Impfstoff nicht bekommen, der in der Übersicht nicht aufgeführt ist. Das Formular findet sich unter www.pei.de/lieferengpaesse-verbrauchermeldung. Die Angaben in dem Formular helfen uns beispielsweise zu erkennen, ob es sich um ein regionales Problem handelt.

Warum ist eine gute Versorgung mit Impfstoffen so wichtig?

Bekeredjian-Ding: Impfstoffe schützen Menschen vor schweren Infektionskrankheiten, die teilweise mit Komplikationen verbunden sind oder sogar zum Tod führen. Um diesen Schutz zu gewährleisten, ist eine sogenannte Grundimmunisierung notwendig. In einigen Fällen muss man den Schutz nach einigen Jahren auffrischen. Letztlich ist das Ziel von Impfungen, gefährliche Infektionskrankheiten auszurotten. Gelungen ist das bisher bei den Pocken, bei der Kinderlähmung sind wir schon sehr weit. Ein Problem stellen nach wie vor die Masern dar.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Gabriele Brähler.

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