Sie sind in: Startseite Service Neue Apotheken Illustrierte Archiv 1. Juni 2019 Schwerhörigkeit nicht tatenlos hinnehmen

Service

Wer im Alltag Probleme mit dem Hören hat, sollte einen Arzt aufsuchen.

Wer im Alltag schlecht hört, ist gut beraten, einen Arzt aufzusuchen. Dieser kann dann ein Hörgerät verordnen.
© AlexRaths/iStockphoto

Schwerhörigkeit nicht tatenlos hinnehmen

Das Ärztenetzwerk HNOnet Nordrheinwestfalen weist in einer Pressemeldung darauf hin, dass ab dem 60. Lebensjahr mehr als jeder dritte Deutsche unter Schwerhörigkeit leidet. Grund zur Resignation ist das aber nicht. Wie man Betroffenen mittlerweile helfen kann, weiter an der wunderbaren Welt der Klänge teilhaben zu können, erläutert Dr. Michael E. Deeg, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Freiburg im Breisgau.

Anzeige

Herr Dr. Deeg, wann sollte man wegen Hörproblemen zum Arzt gehen?
Deeg: Man merkt es, wenn man in Standardsituationen im täglichen Leben einfach öfter nachfragen muss. Wenn alle etwas verstanden haben, nur Sie nicht, dann ist das ein Indiz. Ein weiterer Hinweis: Wenn Sie sich bei Familienfesten oder Empfängen mit zahlreichen Hintergrundgeräuschen schwertun, noch etwas zu verstehen. In solchen Fällen sollte man einen HNO-Arzt aufsuchen. Diese Fachärzte können eine umfassende Hörprüfung durchführen. Der Arzt stellt die noch hörbaren Tonfrequenzen im Rahmen einer Tonaudiometrie fest. Er prüft auch, ab welcher Lautstärke der Patient die Töne versteht. Und er testet mittels Sprachaudiometrie mit bestimmten Wörtern, wie viel der Patient davon gut versteht. Das ergibt eine relativ gute Einschätzung von der noch vorhandenen Hörleistung eines Menschen.

Wie geht es dann weiter?
Deeg: Der Patient bekommt eine Empfehlung und eine ohrenärztliche Verordnung für ein Hörgerät. Mit diesem Rezept geht er zum Hörakustiker und lässt sich dort versorgen. Die Frage, ab wann das geht, ist relativ klar geregelt. Man kann die Grenze, ab der man ein Hörgerät tragen sollte, aus dem Sprachaudiogramm ermitteln. Hört der Patient bei einem bestimmten Lautstärkepegel nur noch einen bestimmten Prozentsatz, benötigt er ein Hörgerät. Und man kann auch auf das Tonaudiogramm zurückgreifen. Wenn der Mensch in bestimmten Frequenzen nichts hört, benötigt er auch dann ein Hörgerät. Das regeln Heil- und Hilfsmittelrichtlinien.

Warum ist eine frühe Versorgung mit Hörgeräten so wichtig?
Deeg: Ab einer gewissen Grenze des Hörverlustes tritt das Problem auf, dass die für den Hörsinn zuständigen Bereiche unseres zentralen Nervensystems einfach nicht mehr ausreichend angesprochen werden und dann verkümmern. Angenommen, Sie haben zwei Patienten mit einem genau gleichen Hörverlust und der eine bekommt das Hörgerät, während sich der andere weigert. Zehn Jahre später zeigt sich dann beim HNO-Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sich zwar die Hörschwelle für Töne in gleicher Weise verändert hat, aber bei dem Patienten mit dem Hörgerät ist das Sprachverständnis sehr viel besser.

Was leisten Hörgeräte mittlerweile im Alltag?
Deeg: Da gibt es ein sehr großes Spektrum. Aber auch ein Gerät, das die gesetzlichen Krankenkassen komplett übernehmen, arbeitet heutzutage grundsätzlich mit Digitaltechnik. Es muss in der Lage sein, vier getrennt regelbare Frequenzbereiche abzudecken, und es muss über wenigstens drei Programme verfügen, die verschiedene Hörsituationen erfassen. Es ist ein Unterschied, ob Sie in einem ruhigen Raum mit zwei, drei Leuten sitzen oder im Theater. Für diese unterschiedlichen Höranforderungen gibt es Programmmöglichkeiten, die über die Grundeinstellungen des Systems eine gewisse Veränderung des Höreindruckes erreichen, so dass man besser hören kann. Außerdem soll ein Gerät Rückkopplungen unterdrücken. Das ist heute Standard. Früher waren die Geräte analog und haben oft gepfiffen. Heute müssen die Hörgeräte eine Störschallunterdrückung zur Verfügung stellen.

Fallen die Geräte noch sehr auf und schließen sie den Gehörgang ganz?
Deeg: Ein Verschlussgefühl kann zunächst unangenehm sein. Daran muss man sich etwas gewöhnen. Grundsätzlich gibt es mehrere Gerätetypen. Hinter dem Ohr getragene Geräte beinhalten die ganze Technik in einem kleinen Gehäuse, das hinter dem Ohr verschwindet. Der Schlauch des Mikrophons, der in das Ohr führt, ist mittlerweile sehr dünn geworden. Im Gehörgang liegt nur noch das Hörerchen, mit einem kleinen Silikonschirm im Gehörgang fixiert. Diese offenen Systeme sind sehr verbreitet und gut wirksam. Außerdem gibt es Systeme, die ein Ohrpassstück aufweisen, das den Gehörgang mehr oder weniger verschließt. Allerdings kann durch eine Bohrung Luft in den Gehörgang gelangen. Weiterhin gibt es Geräte, die man mit dem Technikteil nicht hinter dem Ohr platziert, sondern in der Ohrmuschel. Dabei unterscheidet man zwischen Modellen, die in der Vertiefung der Ohrmuschel liegen, und solchen, die im Gehörgang liegen. Im Gehörgang können sie außen oder auch innen liegen, so dass man sie praktisch nicht mehr sehen kann.

Muss man die Geräte immer tragen?
Deeg: Es ist besser, man trägt die Geräte immer − morgens rein, abends raus. Und man sollte die Gehörgänge häufig säubern. Ich habe viele Patienten, denen ich alle zwei bis drei Monate die Gehörgänge reinige. Ich habe aber auch Patienten, die tragen die Hörgeräte immer und haben so gut wie gar nichts im Gehörgang. Die Hörgeräte selbst gilt es natürlich auch immer mal wieder zu reinigen. Das übernimmt der Hörakustiker.

Benötigen meist beide Ohren ein Hörgerät?
Deeg: Meistens ja. Unsere Ohren unterliegen ja den gleichen Einflüssen und den gleichen ererbten Bedingungen. Das heißt, sie verlieren ab einem bestimmten Zeitpunkt meist gleichermaßen ihre Leistungsfähigkeit. Daher sollte man dann auch beide Ohren versorgen, wenn Bedarf für eine Hörgeräteversorgung besteht. Das gilt heute als Standard. Um zu testen, welche Geräte sich am besten eignen, führt der Akustiker dem Patienten unterschiedliche Geräte vor. Er stellt zwei bis drei davon zur Verfügung und räumt dem Patienten ein, dass er damit zwei, drei Tage im Alltag hört. So kann er sich für das individuell am besten passende Modell entscheiden.

Was zahlen gesetzliche Krankenkassen bei Hörgeräten?
Deeg: Diese zahlen eine feste Summe, welche vor fünf Jahren auf 784,97 Euro festgelegt wurde. Mittlerweile liegen Verträge zwischen Krankenkassen und den meisten Anbietern vor. Und die zahlen in der Regel zwischen 700 und 740 Euro für das erste Gerät. Für beide Ohren dann wieder einen anderen Preis plus eine Reparaturpauschale. Die AOK beispielsweise zahlt fürs erste Gerät 700 Euro und für beide Ohren 1 247 Euro und eine Reparaturpauschale von 150 Euro für sechs Jahre. Wenn sich das Hörvermögen merklich ändert, kann man das Gerät nach sechs Jahren austauschen und dann auch von neuen technologischen Möglichkeiten profitieren. Diese Regeln gelten für alle Altersgruppen. Es gibt noch Vergünstigungen für junge Leute, sie bekommen zum Beispiel bis zum 18. Lebensjahr die Batterien erstattet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Dr. Frank Schäfer.

Anzeige

Aktuelles

Themenspecial: Kinder und Medikamente

Im neuen Themenspecial "Kinder und Medikamente"
lesen Sie auf aponet.de viel Wissenswertes über die Kinderkrankheiten und die Arzneimitteltherapie für die Jüngsten.

Alle weiteren Specials in der Übersicht finden Sie hier.

Wissen

Arzneimitteldatenbank

Informationen zu Arzneimitteln, Beschwerden oder Wirkstoffen.

Apotheke finden

Tagsüber
Notdienst
Alle Inhalte
schließen