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Epilepsie

Was ist das? - Definition
Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns mit ungehemmten plötzlichen elektrischen Entladungen der Nervenzellen in Teilen des Gehirns (fokaler Krampfanfall) oder dem ganzen Gehirn (generalisierter Krampfanfall).
Zu Krampfanfällen kann es unter bestimmten Umständen bei allen Menschen in jedem Lebensalter kommen. Daher genügt ein einzelner Krampfanfall nicht, um die Diagnose Epilepsie zu stellen. Bei manchen Menschen ist das Gehirn anfälliger für ungehemmte Entladungen, man spricht von niedriger Krampfschwelle.

Wie wird es noch genannt? - Andere Bezeichnungen
  • Fallsucht
  • Krampfleiden
  • Anfallsleiden
  • Morbus sacer

Wie kommt es dazu? - Mögliche Ursachen
Nervenzellen halten eine elektrische Spannungsdifferenz zwischen dem Zellinneren und der Umgebung aufrecht. Durch einen von Außen ankommenden Reiz fällt dieses so genannte Membranpotential schlagartig in sich zusammen, so kann die Zelle selbst einen Reiz abgeben, der ihrerseits eine weitere Nervenzelle erregen kann. In jeder Sekunde passiert dies gut geordnet Millionen Male im Gehirn.
Mehrere Ursachen können dazu führen, dass dieses Membranpotential weniger stabil ist und auch ohne äußerlichen Reiz zusammenbricht. So kann auch bei sonst gesunden Menschen ein Krampfanfall ausgelöst werden durch:
  • Alkohol, Unterzuckerung oder Drogen und Medikamente,
  • Flackerlicht, z.B. in der Diskothek,
  • Schlafentzug,
  • hohes Fieber,
  • starke Verschiebungen im Salzhaushalt des Körpers, z.B. bei starkem Schwitzen oder Brechdurchfall.
Auch Erkrankungen, die die Gehirnstruktur verändern, können Krampfanfälle auslösen. Dazu gehören:
  • Verletzungen oder Fehlbildungen des Gehirns
  • Gehirntumore
  • Schlaganfall (Hirninfarkt oder Hirnblutung)
  • Entzündungen des Gehirns und der Hirnhäute (Meningitis)
Bei über der Hälfte der Epilepsie-Leiden bleibt die Ursache unbekannt.


Wie macht es sich bemerkbar? - Symptome
Epilepsien lassen sich grundsätzlich in zwei Anfallsformen einteilen:
Fokale Anfälle beginnen in einer Hirnregion und führen deshalb auch zu Symptomen, die auf eine Funktion oder einen Körperteil begrenzt sind. Sie gehen ohne Störung des Bewusstseins einher, können aber in generalisierte Anfälle übergehen.
Symptome können sein:
  • Zuckungen eines Arms oder Beins, meist an der Hand beginnend; plötzlicher Kraftverlust der Hand
  • verändertes Körpergefühl: Kribbeln, Temperatur-, Geruchs- oder Geschmacksempfindungen
  • verändertes Sehen: Lichtblitze, Schatten, Punkte, Halluzinationen.
Generalisierte Anfälle sind Krampfanfälle mit verändertem Bewusstsein oder Bewusstlosigkeit. Klassischer Vertreter ist der tonisch-klonische Anfall, der in vier Stadien abläuft:
  • Beginn mit Initialschrei und Sturz zu Boden.
  • Tonische Phase (Sekunden) mit Überstrecken der Glieder, Anhalten der Atmung. Oft kommt es zur Bißverletzung der Zunge.
  • Klonische Phase (Minuten) mit rhythmischen Muskelzuckungen, Urin- und Stuhlabgang.
  • Unterschiedlich lange Phase des Nachschlafs; die Betroffenen können sich nicht an das Geschehene erinnern und sind verwirrt und orientierungslos.


Was kann noch dahinter stecken? - Krankheitsbilder mit ähnlichen Symptomen
Auch durch Herzrhythmusstörungen oder Versacken des Blutes in den Beinen kann es zu einer kurzandauernden Bewusstlosigkeit (Synkope) kommen. Die Betroffenen sind anschließend aber wieder voll orientiert.
Psychische oder psychiatrische Erkrankungen können ebenfalls einem Krampfanfall ähneln.

Verhaltenstipps
Aura nennt man Symptome, die einem großen Anfall manchmal vorausgehen können. Die Betroffenen bemerken dabei Wesensveränderungen, Seh- und Sprachstörungen.
Die Erste Hilfe beschränkt sich auf den Schutz vor Verletzungen. Das Festhalten des Krampfenden und das Einlegen eines Mundkeils zum Schutz vor einem Zungenbiss muss unterbleiben. In der Regel hört der Anfall von selbst auf. Dauert er länger als 15 Minuten oder kommt es mehrmals nacheinander zu Anfällen, ist eine medikamentöse Therapie durch den Notarzt erforderlich. Bei einem solchen Status epilepticus besteht Lebensgefahr! Nach einem Anfall gilt es, den Betroffenen von weiteren Reizen abzuschirmen und Sicherheit zu geben.
Bei sicher diagnostiziertem Anfallsleiden können Anfälle verhindert werden durch:
  • regelmäßige Einnahme der verordneten Medikamente und Kontrollen der Blutwerte.
  • Ausreichend Schlaf, keine Nachtdienste.
  • Verzicht auf Alkohol, Drogen, Diskobesuche.
  • Bei längeren Flugreisen kann ein Beruhigungsmittel Anfällen vorbeugen.
  • Epileptiker dürfen nicht auf Gerüsten, mit gefährlichen Maschinen oder als Piloten arbeiten.
  • Nach zwei Jahren ohne Anfall wird Autofahren meist wieder erlaubt.

Die Information liefert nur eine kurze Beschreibung des Krankheitsbildes, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie sollte keinesfalls eine Grundlage sein, um selbst ein Krankheitsbild zu erkennen oder zu behandeln. Sollten bei Ihnen die beschriebenen Beschwerden auftreten, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Apotheker.

© ABDATA

Epilepsie: Behandlung

Die hohe Aktivität des Gehirns bei Epilepsie äußert sich in Krampfanfällen. Auch wenn sich zwischen epileptischen Anfällen keine körperlichen Beschwerden zeigen – die Sorge, dass ein Anfall jederzeit eintreten kann, kann das Leben von Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Um epileptische Anfälle zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern, können bei Epilepsie zur Behandlung Medikamente zum Einsatz kommen. Sie helfen aber nicht jedem Epileptiker – bei manchen treten trotz Medikation weiterhin Anfälle auf. Weitere Behandlungsmöglichkeiten sind eine Operation oder eine sogenannte Vagusnerv-Stimulation. Darüber hinaus hilft es manchen Menschen mit Epilepsie eine Anfallsselbstkontrolle zu erlernen, die sie vor und während eines Anfalls anwenden können.

Medikamente

Welche Behandlung bei Epilepsie infrage kommt, hängt vom Krankheitsverlauf und der Epilepsie-Form ab. In der Regel kommen zur Behandlung Medikamente zum Einsatz, sogenannte Antiepileptika. Eine medikamentöse Behandlung wird meistens erst nach einem zweiten Anfall eingeleitet, da es bei einigen Menschen bei einem einmaligen Epilepsie-Anfall bleibt und somit keine Behandlung notwendig ist.

Um Anfälle zu verhindern, müssen die Medikamente regelmäßig und über einen langen Zeitraum eingenommen werden. Es gibt viele verschiedene Antiepileptika aus unterschiedlichen Wirkstoffgruppen. Die Dosierung muss individuell angepasst werden. Man beginnt mit einer niedrigen Dosierung und korrigiert sie bei Bedarf nach oben. Wenn ein Medikament nicht die gewünschte Wirkung zeigt oder starke Nebenwirkungen auftreten, kann man auf eine andere Wirkstoffgruppe wechseln beziehungsweise Medikamente aus verschiedenen Wirkstoffgruppen kombinieren.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten: Operation und Vagusnerv-Stimulation

Bei etwa 25 Prozent der von Epilepsie Betroffenen zeigen Medikamente keine Wirkung. Bei bestimmten Epilepsie-Formen besteht in einigen Fällen die Möglichkeit einer Operation: Wenn man feststellen kann, welcher Teil des Gehirns für einen Krampfanfall verantwortlich ist, lässt sich dieser entfernen. Voraussetzung für eine solche Operation ist, dass der Teil des Gehirns keine lebenswichtigen Funktionen steuert. Eine solche Operation ist aber nur in manchen Fällen möglich.

Der Vagusnerv ist Teil des Parasympathikus – er reguliert die Funktionen fast aller inneren Organe. Die Vagusnerv-Stimulation erfolgt über einen Schrittmacher, der im Brustbereich unter die Haut implantiert wird. Der Schrittmacher gibt elektrische Impulse ab und ist über Kontakte mit dem Vagusnerv verbunden. Die Stimulation hat zum Ziel, die Überaktivität des Gehirns zu mildern und dadurch die Zahl der Anfälle zu reduzieren. In vielen Fällen lassen sich die Anfälle um bis zu 50 Prozent reduzieren – komplett frei von Anfällen werden Patienten durch die Vagusnerv-Stimulation jedoch nicht.

Anfallsselbstkontrolle

Menschen mit Epilepsie sind den Anfällen oft wehrlos ausgeliefert. Durch die sogenannte Anfallsselbstkontrolle soll der Betroffene lernen,

  • Faktoren, die einen Krampfanfall auslösen, zu identifizieren,
  • Zeichen eines sich anbahnenden Anfalls wahrzunehmen
  • und Verhaltensweisen und Gegenmittel anzuwenden, mit denen es ihm gelingt, den Anfall abzuwehren.

Die Anfallsselbstkontrolle dient außerdem dazu, sich aktiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und dadurch das Gefühl von Machtlosigkeit bei einem Krampfanfall zu vermindern.

Anfallsselbstkontrolle umfasst folgende Schritte:

  • die Aufmerksamkeit für sich selbst gezielt erweitern
  • die Entstehungsfaktoren der eigenen Anfälle identifizieren
  • das eigene Anfallsrisiko besser einordnen können
  • Verhaltensweisen erlernen, um mit dem Anfallsrisiko angstfrei und selbstsicher umgehen zu können
  • Vorzeichen eines Anfalls erkennen
  • versuchen, den sich anbahnenden Anfall abzuwehren

Um einen Anfall abzuwehren, kann man versuchen, die Gehirnzellen im motorischen Zentrum gezielt vom Anfallsherd abzulenken. Dies bedeutet konkret: Spürt der Betroffene den beginnenden Anfall mit einem Kribbeln in der Hand, ballt er die Hand zur Faust, um die Gehirnzellen anderweitig zu beschäftigen.

Wenn zum Beispiel Ärger und Aufregung als auslösende Faktoren für einen Anfall identifiziert wurden, können Epileptiker versuchen, mit Entspannung gegenzusteuern. Wenn einerseits klar ist, welche Faktoren Anfälle fördern und Betroffene andererseits wissen, wie sie gegensteuern können, lassen sich das Gefühl von Hilflosigkeit und die Angst vor einem Anfall oft reduzieren.

Was kann man bei einem Krampfanfall tun?

Die meisten Krampfanfälle bei Epilepsie sind ungefährlich und gehen schnell vorbei. Dauert der Krampfanfall nicht länger als 5 Minuten an, ist eine unmittelbare Behandlung nicht erforderlich. Wenn jemand in Ihrer Umgebung einen Krampfanfall hat, ist es am wichtigsten, dass Sie ruhig bleiben und den Epileptiker gegebenenfalls vor Verletzungen schützen. Bei schwächeren Anfällen, die sich durch kurze Abwesenheit und Muskelzuckungen äußern, ist es oft ausreichend, beim Betroffenen zu bleiben und ihm Sicherheit zu vermitteln. Bei größeren Anfällen, bei denen das Bewusstsein eingeschränkt ist, sollten Sie darauf achten, dass sich der Betroffene nicht selbst in Gefahr bringt und ihn gegebenenfalls daran hindern. Dabei sollten Sie Ruhe bewahren und den Epilepsie-Betroffenen möglichst nur vorsichtig anfassen. Auch hier ist es sinnvoll, nach dem Krampfanfall zur Verfügung zu stehen. Eine Behandlung muss nicht erfolgen – manche Betroffene stehen jedoch nach einem Krampfanfall neben sich und Zuwendung kann hilfreich sein.

Bei einem starken Anfall, bei dem sich der gesamte Körper verkrampft und der Betroffene das Bewusstsein verliert, sollten Sie folgende Regeln beachten:

  • Bei eng sitzender Kleidung kann es sinnvoll sein, diese zu lockern. Schützen Sie den Betroffenen vor Verletzungen. Achten Sie dabei besonders auf seinen Kopf. Räumen Sie gefährliche Gegenstände aus dem Weg. Ansonsten ist es am besten, abzuwarten, bis der Anfall vorbei ist. Lassen Sie den Betroffenen bis dahin nicht allein und kümmern Sie sich auch nach dem Anfall um den Betroffenen.
  • Nach dem Krampfanfall: Kontrollieren Sie, ob die Atemwege frei sind. Manche Menschen benötigen nach einem Anfall Zuwendung – sie brauchen Zeit, um zu sich zu kommen und sind sehr müde. Bringen Sie die Person gegebenenfalls in die stabile Seitenlage und verhindern Sie, dass sich Schaulustige um sie sammeln.
  • Normalerweise dauert ein Anfall 1 bis 2 Minuten. Wenn der Anfall nach 5 Minuten immer noch andauert, rufen Sie den Notarzt unter 112.

Quellen:

• Online-Informationen der Deutschen Epilepsievereinigung: www.epilepsie-vereinigung.de (Abrufdatum: 29.3.2017)

• Online-Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: www.gesundheitsinformation.de (Stand: 13.1.2016)

• Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. AWMF-Register Nr. 030/041 (Stand: 30.9.2012)

• Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Status epilepticus im Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/079 (Stand: September 2012)

© aponet.de

Letzte Aktualisierung: März 2017

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