Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Deutschland eine ADHS-Neudiagnose. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Rund 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt.
Besonders starker Anstieg bei Zehn- bis 14-Jährigen
Für die aktuelle Analyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren von 2019 bis 2024. Besonders auffällig: Zwischen 2023 und 2024 gab es die stärksten Anstiege der ADHS-Neudiagnosen.
2024 erhielten hochgerechnet rund 202.000 junge Menschen in Deutschland erstmals eine ADHS-Diagnose. Im Vergleich zu 2023 entspricht das einem Plus von 16 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 22 Prozent besonders deutlich aus.
Neudiagnosen bei Mädchen nehmen deutlich zu
Der Report zeigt, dass 2024 etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 21 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut 14 Prozent. Im Vergleich zu 2020 steht bei Mädchen sogar ein Plus von rund 46 Prozent.
Warum ADHS häufiger diagnostiziert wird
ADHS ist keine Modeerscheinung, betont Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt.“
Als mögliche Erklärungen für die häufigeren Diagnosen nennt der Experte unter anderem:
- zunehmenden Druck und Stress bei Kindern und Jugendlichen
- mögliche Folgen der Corona-Pandemie, etwa unterbrochene oder verzögerte Lernschritte
- erhöhten Medienkonsum, der die Konzentrationsfähigkeit mindern und das Stresslevel erhöhen könne
Außerdem seien Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“