Plötzlich wird das Verlangen nach einer Zigarette oder Alkohol sehr stark. Eine Auswertung bisheriger Studien zeigt, dass kontrolliertes Atmen diesen akuten Suchtdruck etwas abschwächen könnte. Besonders langsames Atmen wurde mehrfach untersucht.

Mediziner bezeichnen das starke Verlangen nach einem Suchtmittel als Craving oder Suchtdruck. Eine aktuelle Übersichtsarbeit hat untersucht, ob gezielte Atemübungen dieses Verlangen abschwächen können.
Insgesamt zeigte sich ein kleiner, aber statistisch signifikanter Effekt: Kontrolliertes Atmen verringerte das Verlangen stärker als die jeweilige Kontrollbedingung.
Atemübungen könnten sich damit vor allem für Situationen eignen, in denen das Verlangen nach Alkohol, einer Zigarette oder einem anderen Suchtmittel plötzlich stark wird. Wie lange die Wirkung einzelner Atemübungen anhält, ist allerdings noch nicht ausreichend untersucht.
Für die Übersichtsarbeit werteten die Forscher 20 Studien zu verschiedenen Atemtechniken bei Menschen aus, die Alkohol, Nikotin oder andere Drogen konsumierten. Zwölf Studien mit insgesamt 696 Teilnehmern untersuchten den Einfluss auf den Suchtdruck.
Die Studien untersuchten unterschiedliche Atemtechniken. Mehrfach kam besonders langsames Atmen mit etwa sechs Atemzügen pro Minute zum Einsatz. Beim sogenannten Herzratenvariabilitäts-Biofeedback hilft ein Sensor dabei, die Atmung an den Herzrhythmus anzupassen.
Andere Studien untersuchten yogische Atemübungen mit verschiedenen Mustern beim Ein- und Ausatmen sowie beim Atemanhalten. Bei der dreiteiligen Atmung konzentrieren sich die Teilnehmer nacheinander auf die Atmung in Bauch, Brustkorb und oberen Brustbereich.
In weiteren Untersuchungen kamen tiefe, rhythmische Atemzüge zum Einsatz, die die Atembewegung beim Rauchen nachahmen sollten. Auch langsames Atmen in Verbindung mit anderen Übungen wurde untersucht. Welche Atemtechnik den Suchtdruck am besten lindert, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht ableiten.
Einige Studien sprechen dafür, dass Atemübungen den Suchtdruck unmittelbar nach der Anwendung verringern können. Ob sie auch Rückfälle verhindern oder den langfristigen Erfolg einer Suchttherapie verbessern, ist bisher nicht geklärt. Dafür fehlen größere Studien, die Teilnehmer über einen längeren Zeitraum begleiten.
Für eine allgemeine Empfehlung reicht die Datenlage deshalb bislang nicht aus. Atemübungen könnten bestehende Behandlungen ergänzen und dabei helfen, akuten Suchtdruck kurzfristig zu bewältigen. Eine Suchttherapie ersetzen sie nicht.
Quelle: DOI 10.1111/add.70542
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