Alkoholsucht: Abnehmmittel Semaglutid könnte Alkoholkonsum senken

Pharmazeutische ZeitungKatrin Faßnacht-Lee  |  06.05.2026 09:32 Uhr

Der Wirkstoff Semaglutid ist vor allem als „Abnehmspritze“ und als Medikament gegen Typ-2-Diabetes bekannt. Nun deutet eine neue Studie darauf hin, dass der Wirkstoff auch Menschen mit Alkoholabhängigkeit helfen könnte.

Frau sitzt am Tag mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa und guckt nachdenklich.
Das Diabetes-Medikament Semaglutid könnte bei Alkoholssucht helfen, indem es das Verlangen nach Alkohol reduziert.
© Halfpoint/iStockphoto

Studie untersucht Menschen mit Alkoholabhängigkeit

Rund 4,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland gelten Schätzungen zufolge als alkoholabhängig. Deshalb suchen Forschende schon länger nach neuen Behandlungsmöglichkeiten. Im Fokus steht jetzt der GLP-1-Rezeptoragonist Semaglutid.

In einer im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichten Studie wurden 108 Erwachsene mit Alkoholabhängigkeit und gleichzeitig bestehender Adipositas untersucht. Alle Teilnehmenden erhielten zusätzlich eine kognitive Verhaltenstherapie. Ein Teil bekam einmal pro Woche Semaglutid als Spritze, die andere Gruppe ein Placebo.

Weniger starke Trinktage und geringeres Verlangen

Nach 26 Wochen zeigte sich: Die Zahl der Tage mit besonders hohem Alkoholkonsum ging unter Semaglutid deutlich stärker zurück als unter Placebo. Als „starker Alkoholkonsum“ galten bei Frauen mehr als 48 Gramm Alkohol pro Tag, bei Männern mehr als 60 Gramm.

Die Studie ergab konkret:

  • In der Semaglutid-Gruppe sank die Zahl dieser starken Trinktage um 41,1 Prozentpunkte. In der Placebo-Gruppe lag der Rückgang bei 26,4 Prozentpunkten.
  • Der gesamte Alkoholkonsum innerhalb von 30 Tagen verringerte sich unter Semaglutid durchschnittlich um 1550 Gramm Alkohol. Unter Placebo sank die konsumierte Menge um durchschnittlich 1026 Gramm.
  • Außerdem berichteten die Teilnehmenden unter Semaglutid über weniger Verlangen nach Alkohol („Craving“). 

Die Nebenwirkungen entsprachen weitgehend den bereits bekannten Effekten des Medikaments. Dazu gehörten vorübergehende Magen-Darm-Beschwerden, die meist leicht bis mittelstark ausfielen.

Wie wirkt das Medikament bei Alkoholabhängigkeit?

Wie genau Semaglutid bei Alkoholabhängigkeit wirkt, ist noch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird ein Einfluss auf das Belohnungssystem im Gehirn. Laut Professor Dr. Patrick Bach vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim konnte in Tierversuchen gezeigt werden, dass Semaglutid die Dopaminausschüttung nach Alkoholkonsum verringern kann – ein wichtiger Mechanismus bei Suchterkrankungen.

Fachleute sehen Chancen – aber noch offene Fragen

Trotz der positiven Ergebnisse sehen Fachleute weiteren Forschungsbedarf. Bach bewertet die bisherigen Daten zwar als „ermutigend“, weist aber darauf hin, dass bislang vor allem eine Verringerung der Trinkmenge gezeigt wurde. Ob Semaglutid auch dabei helfen kann, dauerhaft komplett abstinent zu bleiben, sei noch unklar. Auch lassen sich die Ergebnisse aufgrund der beschränkten Teilnehmergruppe bisher nicht auf alle Menschen mit Alkoholabhängigkeit übertragen.

Bis zu einer möglichen breiteren Anwendung dürfte es daher noch dauern. Wer seinen Alkoholkonsum reduzieren möchte, sollte sich ärztlich beraten lassen – besonders dann, wenn bereits gesundheitliche oder psychische Folgen bestehen.

DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00305-3

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