Gängige Antidepressiva setzen meist an Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin oder Dopamin an. Forschende der University of Bristol haben nun einen ganz neuen Ansatzpunkt untersucht: das Immunsystem.
Entzündungen als mögliche Treiber
Der Hintergrund ist, dass etwa bei einem Drittel der Menschen mit einer Depression erhöhte Entzündungswerte im Blut nachweisbar sind. In einer kleinen Pilotstudie testeten die Forschenden daher über vier Wochen den Wirkstoff Tocilizumab, der normalerweise bei entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis zum Einsatz kommt. An der Studie nahmen 30 Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression teil, die zugleich Anzeichen einer leichten Entzündung im Blut aufwiesen.
Weniger Müdigkeit und Angst
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Tocilizumab die Schwere der Depression, Müdigkeit und Angst lindern und die Lebensqualität verbessern kann. Eine vollständige Remission erreichten 54 Prozent der Behandelten, gegenüber 31 Prozent in der Placebogruppe.
Immun-Botenstoff als Angriffspunkt
In früheren Untersuchungen hatte sich gezeigt, dass etwa jeder dritte Mensch mit Depressionen erhöhte Entzündungsmarker im Blut aufweist. Besondere Aufmerksamkeit hatte in diesem Zusammenhang ein Protein erregt, das die körpereigene Immunabwehr mit steuert: der Botenstoff Interleukin 6 (IL-6). Frühere Untersuchungen konnten eine Verbindung zwischen höheren IL-6-Spiegel mit Depressionen feststellen. Tocilizumab setze genau an dieser Stelle an und blockiert einen Rezeptor für dieses IL-6.
Größere Studien müssen die Ergebnisse noch untermauern
Wegen der kleinen Teilnehmerzahl waren die statistischen Unterschiede allerdings begrenzt. Die Forschenden betonen, dass größere Studien nötig sind, bevor eine solche Immuntherapie zur Standardbehandlung werden könnte. Als nächster Schritt ist eine große Phase-III-Studie geplant. Der Ansatz weist jedoch in eine Richtung, die viele Fachleute für vielversprechend halten: eine personalisierte Depressionsbehandlung, die sich stärker an der individuellen Biologie orientiert und das passende Mittel für die passenden Patienten findet.