Infektionen mit Herpes-simplex-Viren (HSV) können für Neugeborene schwer verlaufen. Besonders riskant ist eine Ansteckung mit Genitalherpes (HSV-2) während der Geburt. Deutlich seltener infizieren sich Babys nach der Geburt mit Lippenherpes (HSV-1). Der Grund: Das Immunsystem von Neugeborenen ist noch nicht vollständig entwickelt. Deshalb können Herpesinfektionen in diesem Alter schwerer verlaufen und eine intensive Behandlung notwendig machen.
Lippenherpes im Alltag: Wann Babys sich anstecken können
Eine Infektion mit HSV-1 (Lippenherpes) nach der Geburt ist deutlich seltener. Besonders bei Babys unter sechs Monaten ist dennoch Vorsicht geboten. Kinderärztin Dr. Charlotte Schulz vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen Hamburg erklärt: „Die reine Anwesenheit einer Person mit Lippenherpes im Raum stellt noch keine Ansteckungsgefahr dar. HSV-1 ‚fliegt‘ nicht durch die Luft.“
Eine Ansteckung passiert meist durch Schmierinfektion – also wenn infektiöser Bläscheninhalt auf Haut oder Schleimhäute des Babys gelangt, etwa durch Küssen oder Berühren des Gesichts. „Tröpfcheninfektionen spielen – wenn überhaupt – nur bei offenen, feuchten Herpesläsionen eine Rolle und auch dann nur im unmittelbaren Nahbereich«, so Schulz, etwa wenn jemand mit frischen Herpesbläschen das Baby direkt anhustet.
Lippenherpes: Diese Schutzmaßnahmen helfen
Wenn jemand akuten Lippenherpes hat, sollten einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden:
- Baby nicht küssen
- Herpesbläschen abdecken (z. B. mit Pflaster)
- gründliche Händehygiene einhalten
- bei engem Kontakt eine Maske tragen
- möglichst keinen engen Kontakt zu Neugeborenen
Sobald die Bläschen verkrustet und trocken sind, sinkt das Ansteckungsrisiko deutlich – meist nach etwa acht bis zehn Tagen.
Was Eltern nach einem möglichen Kontakt tun sollten
Hatte ein Baby unter sechs Monaten engen Kontakt zu einer Person mit aktiven Herpesbläschen, sollten Eltern das Kind in den folgenden zwei bis drei Wochen aufmerksam beobachten. Warnzeichen sind unter anderem:
- Fieber
- Trinkschwäche
- ungewöhnliche Müdigkeit
- Hautveränderungen
Treten solche Symptome auf, sollte sofort eine Kinderarztpraxis aufgesucht werden.
Denn je nach Risikokonstellation können virologische Abstriche und bei besonders gefährdeten Kindern gegebenenfalls eine antivirale Therapie sinnvoll sein. Zu den Risikogruppen zählen Neugeborene in den ersten Lebenswochen, die keinen Nestschutz haben, oder Kinder mit bestimmten Grunderkrankungen. Mütter, die bereits HSV-1-seropositiv sind, übertragen über die Plazenta spezifische Herpes-Antikörper auf ihr Kind. Dieser Nestschutz wirkt in den ersten Lebensmonaten und bietet einen gewissen, aber keinen vollständigen Schutz vor einer schweren HSV-1-Erstinfektion.
Mundfäule: Typische Erstinfektion bei Kindern
Bei Babys und Kleinkindern kann eine HSV-1-Erstinfektion die sogenannte Mundfäule auslösen. Typische Symptome sind schmerzhafte Bläschen im Mund, am Zahnfleisch, Fieber, Mundgeruch, Schluckbeschwerden und starkes Krankheitsgefühl. Die Erkrankung ist hoch ansteckend und kann sehr belastend sein, ist aber in der Regel nicht lebensbedrohlich. Problematisch ist aber die verminderte Flüssigkeitsaufnahme. In einzelnen Fällen kann es daher nötig sein, dass das Baby oder Kleinkind im Krankenhaus Infusionen erhält. »Schwere Komplikationen wie Augen- oder Hirnhautentzündungen können theoretisch in jedem Alter auftreten, sind aber extrem selten«, so Schulz.
Herpes in Krabbelgruppen: Wie groß ist das Risiko?
In Gruppen mit kleinen Kindern kommt HSV-1 relativ häufig vor. Laut Schulz haben viele Kinder bereits vor dem zweiten Geburtstag Kontakt mit dem Virus: „Kinder in der Krabbelgruppe sind meist älter als sechs Monate. Ab diesem Alter kann man davon ausgehen, dass ihr Immunsystem eine Infektion in der Regel gut bewältigt.“ Viele Infektionen verliefen sogar ohne sichtbare Symptome.
Lippenherpes in der Schwangerschaft
Wie gefährlich ist ein Lippenherpes-Schub bei Schwangeren für den Fetus? “In der Schwangerschaft ist Lippenherpes in aller Regel ungefährlich für das Ungeborene, da es sich um ein wiederkehrendes Aufflammen einer Infektion handelt, die vor der Schwangerschaft durchgemacht wurde”, erklärt die Ärztin. Eine Übertragung von HSV-1 bei Erstinfektion über die Plazenta sei sehr selten.