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Multiple Sklerose: aktuelle Strategien zur Behandlung

19.01.2018

Etwa 130 000 Menschen leiden hierzulande an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Welche Strategien es aktuell gibt, um Betroffenen mit Medikamenten zu helfen, erläuterte Professor Dr. Gerd Bendas vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn auf einer internationalen Apothekerfortbildung in Schladming, Österreich.

Multiple Sklerose ist eine der häufigsten Nervenerkrankungen.
Multiple Sklerose ist eine Nervenerkrankungen, deren Symptome sich meistens schon im frühen Erwachsenenalter zeigen.
© pressmaster - Fotolia

Bei Multipler Sklerose (MS) greifen fehlgeleitete Immunzellen Nervengewebe an. Sie dringen unter anderem in Gehirn und Rückenmark ein und zerstören an verschiedenen Stellen (multibel) in einer entzündlichen Reaktion Hüllen von Nervenfasern. Diese Fasern leiten Nervensignale dann nicht mehr richtig. Die Entzündungsherde können narbig verheilen (sklerotisieren). Mögliche Beschwerden sind Seh- und Sprachstörungen, Gangunsicherheit, Taubheitsgefühle oder Lähmungen. In etwa 80 Prozent der Fälle ist der Verlauf so, dass einem Krankheitsschub eine mehr oder minder lange Phase folgt, in der sich die Beschwerden teils oder ganz zurückbilden, bis es erneut zu einem Schub kommen kann.

Professor Benda beschrieb in seinem Vortrag in Schladming, auf welche Medikamente der Arzt zurückgreifen kann, um bei MS Entzündungsreaktionen einzudämmen sowie Zellen des Immunsystems zu dämpfen und sie an der Vermehrung zu hindern. Im akuten MS-Schub kommt vor allem die kortisonartige Substanz Methylprednisolon zum Einsatz.

Um künftig weitere Schübe zu verhindern, kann man als Basistherapie unter anderem Arzneistoffe wie Interferon-Beta, Glatirameracetat, Teriflunomid oder Dimthylfumarat anwenden. Wichtig ist, so betonte Professor Bendas, ein möglichst frühzeitiger Beginn dieser den weiteren Erkrankungsverlauf beeinflussenden Therapie.

Auch wenn es bei schubförmiger MS zu Erholungsphasen kommt, gibt es dabei neben den eher milden auch hochaktive Verläufe. Professor Bendas stellte dafür aktuelle Behandlungsansätze vor: Mit dem einzunehmenden Arzneistoff Fingolimod lässt sich verhindern, dass die MS antreibende Immunzellen – genauer T-Helferzellen – aus dem Lymphsystem in die Blutbahn gelangen und von dort aus ins Nervensystem. So kann die Zahl der Krankheitsschübe verringert werden. Der Antikörper, Alemtuzumab, der zu spritzender, kann die Zahl zweier Gruppen von weißen Blutkörperchen – T- und B-Zellen – im Blut vermindern und damit die Anfälligkeit für MS-Schübe. Ein weiterer Antikörper ist das Natalizumab, der speziell Übertritt von weißen Blutkörperchen vom Blut in das zentrale Nervensystem blockiert, so dass sie dort wenig zu Entzündungsreaktion beitragen können. Der wegen seiner Nebenwirkungen nur unter bestimmten Bedingungen anzuwendende Antikörper Daclizumab verhindert, dass T-Zellen aktiv werden und Entzündung im Gehirn antreiben. Der einzunehmende Arzneistoff Cladribin verhindert, dass sich T-Zellen vermehren. Neu ist der inzwischen von der Europäischen Arzneimittelagentur zugelassene Antikörper Ocrelizumab, der B-Zellen vermindert, die ebenfalls MS fördern können. Ocrelizumab ist auch dann einsetzbar, wenn sich MS von Anfang an ohne erkennbare Schübe stetig verschlimmert.

Wichtig: Wegen der das Abwehr- beziehungsweise Immunsystem mehr oder minder stark dämpfenden Wirkung von MS-Medikamenten werden Betroffene anfälliger für Infektionen. Diese und weitere, speziell bei einzelnen Wirkstoffen möglicherweise auftretende Nebenwirkungen können in sehr seltenen Fällen auch bedrohlich sein. Daher müssen Betroffene mit dem Arzt eine gute Risiko-Nutzen-Abwägung bei der Arzneiauswahl treffen.

Dr. Frank Schäfer

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