Menschen mit schweren, psychischen Erkrankungen wie starke Depressionen oder bipolaren Störungen haben eine um zehn bis 20 Jahre niedrigere Lebenserwartung. Das lässt sich laut Autorenteam hauptsächlich auf ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf- sowie Stoffwechsel-Erkrankungen zurückführen. Sollte deshalb Bewegung standardmäßig zur Therapie gehören? Das Team spricht sich in seiner Übersichtsarbeit dafür aus.
Fortschritte bei Depressionen, psychotischen Symptomen, Lebensqualität
Die Übersichtsarbeit fasst die Ergebnisse von Studien und Meta-Analysen zusammen. Dabei berücksichtigten sie nur solche Arbeiten, bei denen es um Personen in Kliniken ging und blickte auch auf die verschiedenen Formate, um Bewegung zu integrieren. Laut der Studie machte, wer strukturierte Bewegung erhielt, moderate bis große Fortschritte bei:
- Depressionen,
- psychotischen Symptomen,
- kognitiver Leistungsfähigkeit,
- Lebensqualität und
- Herz-Stoffwechsel-Gesundheit.
Das Forschungsteam weist darauf hin: Menschen mit Depressionen oder bipolarer Störung haben eine um 30 bis 50 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, den WHO-Empfehlungen für genug Bewegung zu entsprechen. Das bedeutet, sie bewegen sich wahrscheinlich pro Woche weniger als 150 Minuten moderat oder 75 Minuten intensiv. Menschen mit dem Krankheitsbild, das früher als Schizophrenie bekannt war, sitzen häufig mehr als 10 Stunden pro Tag.
Wenn Bewegungsmangel und Erkrankung sich gegenseitig verstärken
Nach Einschätzung der Forschenden kann Bewegungsmangel verschiedene körperliche Prozesse beeinflussen – etwa hormonelle und entzündliche Vorgänge im Gehirn sowie das Risiko für Herz-Stoffwechsel-Erkrankungen.
Diese Veränderungen könnten wiederum psychiatrische Symptome verstärken. Dadurch kann ein Kreislauf entstehen: Psychische Erkrankungen führen zu weniger Bewegung – und der Bewegungsmangel verschlechtert möglicherweise die gesundheitliche Situation weiter.
Reduzierte Lebenserwartung: beschämende Ungleichheit
Das Forschungsteam schlussfolgert in einer Pressemitteilung zur Veröffentlichung: „Die drastisch reduzierte Lebenserwartung von Menschen mit schwerer, psychischer Erkrankung ist eine der beschämensten Ungleichheiten der modernen Medizin. Bewegung löst nicht alle Probleme, aber es ist ein nachgewiesen wirksames, universell verfügbares und kosteneffektives Werkzeug, das wirklich helfen kann, diese Ungleichheit zu verringern.“ Es empfahl darüber hinaus, nach dem Schema 5A (Ask, Assess, Advise, Assist, Arrange, auf Deutsch: Fragen, Einschätzen, Beraten, Unterstützen, Organisieren) vorzugehen.
Quelle: DOI 10.1001/jamapsychiatry.2026.0026