Depression: Rheuma-Medikament zeigt überraschende Wirkung in Studie

Wolf Löchel  |  11.06.2026 10:24 Uhr

Bei vielen Menschen mit Depressionen sind erhöhte Entzündungswerte im Blut nachweisbar. Eine neue Studie zeigt nun: Ein Medikament aus der Rheumatherapie könnte Symptome lindern und eröffnet einen völlig neuen Behandlungsansatz.

Frau schaut aus einem Fenster, auf dem Wassertropfen sind
Bei manchen Menschen mit Depression helfen Antidepressiva nicht. Ein neuer Therapieansatz bietet Hoffnung.
© Elena Perova/iStockphoto

Gängige Antidepressiva setzen meist an Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin oder Dopamin an. Forschende der University of Bristol haben nun einen ganz neuen Ansatzpunkt untersucht: das Immunsystem. 

Warum Entzündungen bei Depressionen wichtig sein könnten

Der Hintergrund ist, dass etwa bei einem Drittel der Menschen mit einer Depression erhöhte Entzündungswerte im Blut nachweisbar sind. In einer Pilotstudie testeten die Forschenden daher über vier Wochen den Wirkstoff Tocilizumab, der normalerweise bei entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis zum Einsatz kommt. An der Studie nahmen 30 Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression teil, die zugleich Anzeichen einer leichten Entzündung im Blut aufwiesen. 

Studienteilnehmer berichteten über weniger Angst und Erschöpfung

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Tocilizumab die Schwere der Depression, Müdigkeit und Angst lindern und die Lebensqualität verbessern kann. Eine vollständige Remission erreichten 54 Prozent der Behandelten, gegenüber 31 Prozent in der Placebogruppe. 

Der Wirkstoff blockiert einen wichtigen Entzündungsbotenstoff

In früheren Untersuchungen hatte sich gezeigt, dass etwa jeder dritte Mensch mit Depressionen erhöhte Entzündungsmarker im Blut aufweist. Besondere Aufmerksamkeit hatte in diesem Zusammenhang ein Protein erregt, das die körpereigene Immunabwehr mit steuert: der Botenstoff Interleukin 6 (IL-6). Frühere Untersuchungen konnten eine Verbindung zwischen höheren IL-6-Spiegel mit Depressionen feststellen. Tocilizumab setze genau an dieser Stelle an und blockiert einen Rezeptor für dieses IL-6.

Die Ergebnisse gelten bislang nur als erster Hinweis

Wegen der kleinen Teilnehmerzahl waren die statistischen Unterschiede allerdings begrenzt. Die Forschenden betonen, dass größere Studien nötig sind, bevor eine solche Immuntherapie zur Standardbehandlung werden könnte. Als nächster Schritt ist eine große Phase-III-Studie geplant. Der Ansatz weist jedoch in eine Richtung, die viele Fachleute für vielversprechend halten: eine personalisierte Depressionsbehandlung, die sich stärker an der individuellen Biologie orientiert und das passende Mittel für die passenden Patienten findet.

Quelle: DOI 10.1001/jamapsychiatry.2026.1053

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