Gesundheit

Tropenkrankheiten in Europa

Dr. Frank Schäfer  |  01.01.2024

Immer mal wieder gibt es Berichte über Erkrankungen durch exotische Viren in Europa. Muss man sich als Reisender darüber Sorgen machen?

Frau, nutzt Mückenabwehrspray.
Mückenabwehrspray kann lästigen Mückenstichen vorbeugen, genau wie lange Kleidung oder Mückennetze an den Fenstern.
© Zbynek Pospisil/iStockphoto

Mit welcher Wucht Viren ganze Gesellschaften treffen können, machte die Corona-Pandemie deutlich. Und so merkt man auf, wenn Ausbrüche exotischer Viren wie des Dengue-Virus vergangenen Sommer in Italien Schlagzeilen machen – mit 72 Fällen. Zumal sich der Überträger so einiger dieser Viren, die tag- und nachtaktive asiatische Tigermücke, bereits häuslich in Südeuropa und Frankreich eingerichtet hat und auch hierzulande auftaucht. Doch ist das Grund genug, neue Seuchenherde zu fürchten? Und sich im Sommer beim Reisen in Europa einzuschränken? Das sieht Professor Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Experte für von Stechmücken übertragene Viren am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, nicht so dramatisch: "Es gibt jedes Jahr Millionen von Reisenden aus Deutschland etwa nach Italien, Frankreich und Spanien. Und dabei ist das Risiko, im Urlaub einen Unfall mit dem Auto oder beim Baden zu haben, wesentlich größer, als sich mit dem Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Virus zu infi zieren. Das sind drei exotische Viren, die mittlerweile auch im europäischen Raum lokal erworben wurden. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion ist in Europa aber noch extrem gering.«

Man kann natürlich Pech haben und zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Schmidt-Chanasit weist auf Ausbrüche des Dengue-Virus etwa auf der Ferieninsel Madeira hin, mit mehr als 1.000 Fällen in 2012 und 2013. "Fahre ich also im Hochsommer genau in den Hotspot, wo gerade sehr viele Dengue-Viren übertragende Tigermücken vorkommen, dann ist das Risiko natürlich höher als wenn ich das auf alle Reisenden in Europa über die gesamte Urlaubssaison beziehe." Auch die Jahreszeit spielt eine Rolle: "Diese Fälle treten immer im Hoch- und Spätsommer auf. Das heißt, ich habe ein anderes Risiko, wenn ich im Mai in Italien bin, nämlich wahrscheinlich fast gar keines."

Dengue-Infekte: Wo das Risiko hoch ist

"Bezüglich Dengue", so Schmidt-Chanasit, "besteht besonders in Südostasien ein hohes Risiko. Die meisten gemeldeten deutschen Reisenden mit Dengue-Infektionen kommen aus Thailand, gefolgt von anderen südostasiatischen Ländern. Dort gibt es ganz andere klimatische Bedingungen, und der Infektionsdruck ist viel höher als in Europa." Fernreisende sollten auch darauf achten, ob sie bereits bei früheren Reisen an Dengue erkrankt waren, mit Fieber, masernähnlichem Hautausschlag sowie Kopf-, Muskel-, Glieder-, Knochen- oder Gelenkschmerzen. "Denn", so warnt Schmidt-Chanasit, "die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf ist bei einer Zweitinfektion höher. Dritt- und Viertinfektionen spielen medizinisch keine große Rolle, verlaufen leicht. Daher sollte man bei reisemedizinischer Beratung und Impfberatung das Augenmerk insbesondere auf die Gefahr von Zweitinfektion richten."

Impfungen und Stechmückenschutz

Für einen Impfschutz gegen Dengue gab es bis vor Kurzem nur einen Impfstoff für diejenigen, die schon einmal Dengue hatten. Mittlerweile aber ist ein neuer Impfstoff auf dem Markt, der sich auch für noch nicht Erkrankte eignen soll. Das wäre auch deswegen gut, weil nicht jede" Erstinfektion mit dem Dengue-Virus Symptome verursacht – und daher unbemerkt bleibt. Doch der Experte schränkt ein: "Wir müssen bei dem neuen Impfstoff schauen, welche neuen Erkenntnisse sich nach der Zulassung des Impfstoffs in der ›echten‹ Welt ergeben. Da warten alle gespannt darauf, und darum ist man in europäischen Ländern noch etwas zurückhaltend mit Impfempfehlungen."

Was ganz unabhängig von Impfungen hilft: ein an das Reiseziel und die Art des Reisens angepasster Stechmücken- und auch Zeckenschutz mit Mückensprays, den Repellentien. Schmidt-Chanasit: "Das schützt auch gegen von Stechmücken übertragene Krankheitserreger, gegen die es bisher keine Impfung gibt, wie das Chikungunya-, Zika- oder West-Nil-Virus." Der Experte empfiehlt, auf Wirkstoffe zu achten, für die eine Wirksamkeit über einen längeren Zeitraum nachgewiesen wurde. "Dazu gehören unter anderem Icaridin oder Diethyltoluamid, das DEET, oder als pflanzlicher Wirkstoff das Citriodiol. Dabei auch auf die Konzentrationen und Gütesiegel schauen. Letztere werden unabhängig getestet, zum Teil durch das Schweizer oder das Hamburger Tropeninstitut.

Neben Repellentien für die Haut gibt es Insektizide zum Auftragen auf Kleidung. Und schläft man zum Beispiel im Zelt oder in nicht klimatisierten Räumen, sollte man ein Moskitonetz benutzen – das am besten auch imprägnieren, damit ein zusätzlicher Schutz gewährleistet ist." Das alles hilft nicht nur in den Tropen, betont Schmidt-Chanasit. 

"Was man nicht vergessen sollte: Tigermücken, die auch in Teilen von Europa vorkommen und potenziell Viren übertragen können, sind an sich schon ziemliche Plagegeister, die auch am Tage umherfliegen. Und es gibt mittlerweile Viren, die seit Jahrzehnten auch durch in Europa heimische Stechmücken übertragen werden. In Deutschland erst seit einigen Jahren das West-Nil-Virus, das in Frankreich schon seit den 1960er-Jahren zirkuliert. Dagegen würde man sich natürlich schützen wollen, wenn man in einem Ausbruchsgebiet in Brandenburg, Sachsen oder Sachsen-Anhalt lebt. Das empfiehlt sich besonders in Berufen mit erhöhter West-Nil-Virus- Expositionsgefahr etwa in der Forst- oder Landwirtschaft." Zudem gibt es in Südeuropa das Sandmückenfieber. Das auslösende Toskana-Virus ist einer der von Sandmücken übertragen Krankheitserreger. Tritt eine Erkrankung auf, kommt es für einige Tage zu grippeähnlichen Symptomen mit Fieber, Augen-, Muskel-, Kopf- und Gelenkschmerzen. Die Ausheilung kann mitunter etwas dauern, zumal wenn es zu einer Hirnhautentzündung kommt. Schutz bietet nur, sich die Sandmücken vom Leibe zu halten.

Tropen-Krankheiten kaum in Europa heimisch

Zur Frage, ob denn bisher bevorzugt in wärmeren Regionen vorkommende, exotische Krankheiten wie Dengue nun auch in Europa auf Dauer heimisch geworden sind, äußert sich Schmidt-Chanasit zurückhaltend. "Wenn es dazu kommt, dass ein Großteil der Infektionen zum Beispiel durch Dengue-Viren auf bereits infizierte mittlerweile in Europa heimische Tigermücken zurückgeht, würde ich eher davon sprechen, dass Dengue hier heimisch ist. Doch wenn wir die Jahre seit 2010 betrachten, ist es fast immer so gewesen, dass Fernreisende die Viren mitgebracht haben. Dann wurden sie in Europa von Tigermücken gestochen, die daraufhin auch noch bei anderen Menschen Blut gesaugt und damit eine lokale Übertragung hervorgerufen haben."

Etwas anders sieht es beim West-Nil-Virus aus, zumal es heimische Mücken übertragen können. Hier gibt es regional einige Fälle von in Deutschland erworbenen Infektionen, die vermutlich auf heimische Virus-Reservoire zurückgehen und in vielen Fällen unbemerkt bleiben. "Beim West-Nil-Virus reden wir über 80 Prozent ohne Symptome verlaufende Infektionen. Nur 20 Prozent der Infektionen gehen mit Hautausschlag und Muskelschmerzen einher und nur ein Prozent betreffen das Nervensystem mit Gehirnentzündung, die schlimmstenfalls auch zum Tode führen."

Hemmnisse für die Ausbreitung

Im Vergleich zu den leicht von Mensch zu Mensch übertragbaren Corona viren gibt es bei exotischen Erregern wie Dengue-, Zika- oder Chikungunyaviren einige Hemmnisse für die Verbreitung. Sie brauchen Überträger wie noch nicht überall in Europa heimische Tigermücken. Zudem müssen die dann noch auf genug unerkannte Virus träger treffen, um die Viren von ihnen aufnehmen und weitertragen zu können. "Und", so Schmidt-Chanasit, "es gibt nach wie vor Jahreszeiten mit entsprechenden Temperaturunterschieden in Europa, anders als in den Tropen. Inwieweit sich unter diesen Bedingungen Viren etwa in heimischen Tigermückenpopulationen künftig tatsächlich ausbreiten, stabilisieren und auch ohne Reiserückkehrer Ausbrüche hervorrufen, ist Gegenstand der Forschung."

Und wie beeinflusst der Klimawandel die Ausbreitung exotischer Krankheitskeime und ihrer Überträger? "Der Zusammenhang von Klimawandel und Anstieg von durch Stechmücken oder Zecken übertragenen Erregern lässt sich klar nachweisen. Aber es spielt auch der Reise- und Warenverkehr eine entscheidende Rolle. Die Tigermücke ist vor Jahrzehnten von China mit dem Altreifenhandel nach Albanien gekommen, und von dort weiter in Europa, und nicht, weil es in Albanien ein Grad wärmer war. Aber der Klimawandel unterstützt die Verbreitung."

Bei Reisen an "alte Bekannte" denken

Ein Hinweis ist Schmidt-Chanasit wichtig: "Redet man über in Europa eher selten auftretende exotische Viren, darf man nicht hier heimische Viren wie das FSME-Virus vergessen, das sich immer weiter ausbreitet. Es kann Hirnhautentzündungen auslösen und wird von Zecken übertragen. Wir haben hunderte von FSME-Fällen jährlich, aber auch einen Impfstoff . Lebe ich also in einem FSME-Risikogebiet oder mache dort naturnah Urlaub, sollte ich mich dagegen impfen lassen."

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