Werden wir immer größer?

Katrin Faßnacht-Lee

Die Deutschen sind im Schnitt deutlich größer als ihre Großeltern. Doch geht dieser Trend immer weiter? Professor Dr. Joachim Wölfle, Experte der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, kennt die Antwort und erklärt, wie Eltern feststellen, ob ihre Kinder normal wachsen.

Mutter misst die Körpergröße ihres Sohnes.
Wie groß ein Kind wird, hängt vor allem von den Genen ab. Mit einer einfachen Formel lässt sich berechnen, wie groß ein Mädchen oder Junge voraussichtlich wird.
© PIKSEL/iStockphoto

"Die heute Mitte-80-Jährigen hatten eine Erwachsenengröße von durchschnittlich 1,73 Meter. Bei den derzeit 20- bis 29-Jährigen sind wir bei 1,80 Meter", berichtet Wölfle, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Erlangen. "Doch in den vergangenen 20 bis 30 Jahren geht dieser Trend bei uns deutlich zurück beziehungsweise ist fast nicht mehr vorhanden." Einen kleinen Unterschied gebe es noch, aber im Wesentlichen werden die Kinder ihre Eltern nicht mehr überragen.

Die Gründe, warum eine Generation größer wird als die nächste – oder auch nicht –, kennen die Wissenschaftler nicht genau. Doch es gibt verschiedene Hypothesen. Wölfle: "Wir glauben, dass Umweltbedingungen eine wesentliche Rolle spielen. Da gehört auch die Gesundheitsversorgung dazu, der Zugang zum Gesundheitswesen und dessen Qualität. Aber auch die Ernährung in den ersten Lebensjahren scheint
ein wichtiger Faktor zu sein." Da die Deutschen schon seit vielen Jahren unter nahezu unverändert guten Bedingungen leben, scheint es logisch, dass es nur noch zu geringeren Veränderungen kommt.

Warum schrumpfen US-Amerikaner?

Dennoch untersuchen Forscher weiter das Phänomen des Größen-Trends. Beispielsweise weiß man, dass eine Ernährung mit Säuglingsmilch, die mehr vom Eiweißstoff Casein enthält als Muttermilch, einen Wachstumsfaktor im Organismus anregt. Ob sich das auf die Erwachsenengröße auswirkt, ist derzeit Gegenstand der Forschung. Die Ernährung könnte aber auch in umgekehrter Form eine Rolle spielen. So zeigt sich in den USA, dass die Menschen in den vergangenen Jahren nicht größer geworden sind, sondern im Durchschnitt kleiner bleiben. Wölfle erläutert: "Die US-amerikanischen Kinder sind in den vergangenen Jahrzehnten immer übergewichtiger geworden. Man glaubt, dass die Östrogene, die im Fettgewebe gebildet werden, auch einen Einfluss auf die Wachstumsfugen in den Knochen nehmen. Dadurch haben übergewichtige Kinder eine etwas kürzere Wachstumsphase." Ebenso könnte es möglich sein, dass Migration einen Einfluss auf den Gegentrend in den USA habe.

Was ist eigentlich normal?

Ob das eigene Kind in normalem Maße wächst, können Eltern übrigens relativ leicht selbst im Blick behalten. Auch wenn keine U-Untersuchungen anstehen, lässt sich die Wachstumskurve im gelben Untersuchungsheft selbst weiterführen. Die Größenentwicklung des Kindes sollte in den familiären Kontext passen, so Wölfle. "Wenn sich das Kind nicht auf seiner Wachstumskurve weiterentwickelt, sondern immer weiter nach oben oder unten hangelt, empfiehlt es sich, den Kinder- und Jugendarzt anzusprechen." Krankhafte Wachstumsstörungen kommen zwar sehr selten vor. Da sie aber mitunter mit weiteren Risikofaktoren wie einer krankhaften Erweiterung der Hauptschlagader in Verbindung stehen, ist die Beurteilung durch einen Fachmann wichtig. "Doch wenn ein Kind sehr groß oder sehr klein ist, weist das nicht automatisch auf eine krankhafte Veränderung hin. Die häufigste Ursache sind familiäre Anlagen", beruhigt der Experte.

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