Kann eine Stammzell-Transplantation die Krankheitsaktivität bei fortschreitender Multipler Sklerose stoppen? Eine deutsche Studie zeigt, dass sich mit dem Verfahren auch bei schwer behandelbaren MS-Verläufen gute Ergebnisse erreichen lassen.

Multiple Sklerose (MS) ist ein durch das eigene Immunsystem verursachtes, entzündliches und meist zunächst schubweise auftretendes Nervenleiden, das individuell sehr unterschiedliche Verläufe aufweist. Mögliche Symptome sind etwa Gefühls- und Sehstörungen, Missempfindungen, Erschöpfung oder mit Steifigkeit verbundene Lähmungserscheinungen.
Die Erkrankung kann milde oder moderat, aber in etwa einem Drittel der Fälle auch schwerer verlaufen. Es gibt einige Medikamente zur Kontrolle der Krankheit. Helfen diese jedoch nicht ausreichend, könnte in Einzelfällen die Transplantation eigener blutbildender Stammzellen erwogen werden – fachlich als autologe hämatopoetische Stammzell-Transplantation (aHSCT) bezeichnet.
Eine aktuelle deutsche Studie zeigt, dass nach einer aHSCT bei der Mehrheit damit behandelter Patienten im Beobachtungszeitraum keine Anzeichen einer aktiven MS-Erkrankung mehr auftraten.
Für die Studie wurden Daten von insgesamt 109 MS-Patienten des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg und der Universitätsklinik Heidelberg ausgewertet, die sich dort zwischen 2007 und 2025 einer aHSCT unterzogen hatten. Sie wiesen unterschiedliche MS-Verlaufsformen auf, etwa die Hälfte fortschreitende Verläufe. Insgesamt erreichten 82,8 Prozent der Teilnehmenden im Studienzeitraum den NEDA-3-Status. Die Abkürzung steht für „No Evidence of Disease Activity“. Das bedeutet:
- keine Schübe
- keine Zunahme der Behinderung
- keine neue Krankheitsaktivität im Hirn-MRT
Die besten Daten zeigten sich bei schubförmigen MS-Verläufen, bei denen es zur Rückbildung der Beschwerden zwischen den Schüben kommt. Aber auch bei progressiven Verlaufsformen war ein Nutzen festzustellen.
Bei der aHSCT wird das Immunsystem durch eine Chemotherapie weitgehend ausgeschaltet. Anschließend erhalten die Patienten ihnen zuvor entnommene eigene blutbildende Stammzellen zurück. Ziel ist es, das Immunsystem gewissermaßen „neu zu starten“ und so die bei MS fehlgeleiteten Immunreaktionen gegen das eigene Nervensystem zu unterbrechen.
Die Studiendaten leifern Hinweise, dass die autologe Stammzell-Transplantation für ausgewählte Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbarer MS eine Option sein könnte. Langfristige Risiken des Transplantationsverfahrens sind bei MS bisher allerdings wenig erforscht, sodass eine sehr sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung zusammen mit den behandelnden Ärzten erfolgen muss. Ebenso muss geklärt werden, ob individuell die nötigen Voraussetzungen – unter anderem jüngeres Alter und hochaktiver MS-Verlauf – vorliegen und ob die jeweilige Krankenkasse im Einzelfall die hohen Behandlungskosten übernimmt.
Quelle: DOI: 10.1136/jnnp-2025-338129
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