GesellschaftBeratung

Dauerbaustelle Medikamenten-Mangel

Peter Erik Felzer  |  02.05.2024

Antibiotika, Fiebersäfte oder Nasentropfen: Seit einigen Jahren stellen Lieferengpässe von Arzneimitteln Patienten, Apotheken und Arztpraxen vor große Probleme. Die Redaktion hat sich am Beispiel von Dortmund vor Ort umgesehen.

Apotheker, hält ein Medikament in der Hand und telefoniert.
Apothekerinnen und Apotheker betreiben jeden Tag einen großen Aufwand, um Lieferengpässe von Medikamenten zu managen.
© dragana991/iStockphoto

Montagmittag in der Münsterstraße 45 in Dortmund, eine belebte Einkaufsstraße, unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof: Mehr als 20 Patientinnen und Patienten warten in der Münster-Apotheke darauf, dass sie an der Reihe sind. "Das Medikament ist leider nicht lieferbar. Da muss ich mit ihrem Arzt sprechen", hört man vom Schalter ganz links. "Das ist ganz typisch", seufzt Apothekeninhaberin Nicole Ausbüttel. "Lieferengpässe machen uns, aber natürlich auch unseren Kunden immer mehr zu schaffen."

Die Situation trifft alle 114 Apotheken in Dortmund und auch bundesweit gleichermaßen. Die Knappheit ist groß bei Medikamenten, die es mit und ohne Rezept in der Apotheke gibt. Die Bandbreite reicht aktuell von lebenswichtigen Antibiotika über abschwellend wirkende Nasentropfen bis hin zu Cholesterinsenkern und Diabetespräparaten. "Bei abschwellend wirkenden Nasentropfen konnten wir auf Produkte anderer Hersteller ausweichen. Aber das gelingt nicht bei jedem Wirkstoff ", bedauert Ausbüttel.

Das gilt zum Beispiel für Schilddrüsen-Medikamente. "Die Wirksamkeit und Verträglichkeit kann von Hersteller zu Hersteller variieren", ergänzt Lars Rettstadt, der eine große Hausarztpraxis in Scharnhorst im Osten von Dortmund betreibt. Ein Stadtteil mit einer hohen Arbeitslosenquote, sozialen Problemen und vielen chronisch Kranken.

Lieferengpässe nehmen seit ein paar Jahren zu

"Seit zwei, drei Jahren spüren wir die Lieferengpässe in unserer Praxis besonders. Und meinen hausärztlichen Berufskollegen geht es nicht nur in Dortmund, sondern bundesweit ähnlich", fügt der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe hinzu. Er schüttelt den Kopf. "Es macht mich fassungslos, dass ein so reiches Land wie Deutschland Arzneimittelknappheit hat, etwa bei lebenswichtigen Antibiotika."

Manchmal fehlen Medikamente zur akuten Behandlung, manchmal zur Dauertherapie von chronisch Kranken wie Nicole Walke. "Seit meiner Geburt leide ich unter rheumatoider Arthritis, die endgültige Diagnose bekam ich aber erst mit 35 Jahren, weil es vorher nicht erkannt wurde", erzählt die 50-Jährige aus der Funkturm-Siedlung in Neuasseln. Sie wohnt fast ihr ganzes Leben in dem ruhigen Dortmunder Stadtteil, der in den 1960er-Jahren von einem Stahlwerk für seine Mitarbeiter gegründet wurde. Einmal mangelte es Walke an einem für sie wichtigen Schmerzmittel. "Da hat mein Apotheker Herr Dieckerhoff alles nur Mögliche getan, um es doch noch irgendwoher zu bekommen. Das ging gerade noch einmal gut."

Frank Dieckerhoff , Inhaber der Funkturm-Apotheke in der Arcostraße, freut sich über das Kompliment. "Wir tun, was wir können, vor allem für chronisch Kranke wie Frau Walke. Aber die Apotheken vor Ort baden die Versäumnisse aus, die die Politik in den letzten zehn, zwanzig Jahren gemacht hat", kritisiert der Vizepräsident der Apothekerkammer Westfalen-Lippe.

Die Mangelverwaltung kostet Zeit. "Im Computer recherchieren, beim Arzt anrufen, die Patienten beraten, das dauert manchmal eine Viertelstunde. Und diese zusätzliche Zeit bekomme ich von den Krankenkassenso gut wie gar nicht bezahlt", empört sich seine  Kollegin Ausbüttel. Viel Frust, aber auch viel Erschöpfung machen sich nicht nur bei ihr breit.

Doch worin liegen die Gründe für Lieferengpässe? "Viele Arzneimittel kommen inzwischen aus China und Indien", erklärt Rettstadt. Kommt es auf dem Lieferweg zu Störungen, macht sich das in Deutschland bemerkbar. "Das hat sich besonders während der Corona-Pandemie gezeigt, als China komplette Häfen dichtgemacht hat", ergänzt der Hausarzt. Auch wenn wie derzeit viele Schiffe nicht mehr durch das Rote Meer und den Suezkanal fahren, wirkt sich das hierzulande aus. Hinzu kommen hausgemachte Gründe. "Für viele Arzneimittel, die keinen Patentschutz mehr besitzen, schließen Krankenkassen seit vielen Jahren mit den günstigsten Anbietern Rabattverträge ab", blickt Ausbüttel auf die Entwicklung zurück. Das sind meistens Firmen aus Asien. Deutsche Hersteller können bei diesem Preisdumping nicht mehr mithalten. Für sie lohnt sich die Produktion nicht mehr. Und mit den Jahren wurden hierzulande immer mehr Fabriken geschlossen.

Was sind uns Arzneimittel wert?

"Als in Deutschland die Fiebersäfte für Kinder knapp waren, gab es zum Beispiel in Tschechien ein ausreichendes Angebot. Die Hersteller haben dort einfach mehr Geld für ihre Medikamente bekommen", bedauert Ausbüttel. Rettstadt ergänzt: "Wir müssen uns in Deutschland einfach fragen, wie viel wir für Arzneimittel bezahlen wollen." Er nennt als Beispiel den Wirkstoff Semaglutid, umgangssprachlich oft als Abnehmspritze bezeichnet. Von Semaglutid profitieren vor allem Typ-2-Diabetiker und stark Übergewichtige. "Aber wenn der Hersteller in anderen Ländern das Drei- bis Vierfache dafür bekommt, darf man sich nicht wundern, wenn in Deutschland zu wenig davon ankommt."

Was sagt die Politik? Ein kurzer Ausflug nach Bonn zum Zukunftskongress des Apothekerverbandes Nordrhein. Auch Gastredner Karl-Josef Laumann, NRW-Gesundheitsminister und damit auch für Dortmund zuständig, bereiten die Lieferengpässe Sorgen. Er macht nicht nur die politisch gewollte Preispolitik, sondern auch die Standortbedingungen in Deutschland mit dafür verantwortlich, etwa hohe Löhne, viel Bürokratie oder strenge Umweltauflagen.

Die Firmen sind dann dorthin abgewandert, wo bessere Rahmenbedingungen herrschen. "Das können wir in der Landespolitik ganz schwer ändern, weil wir die Macht dafür nicht haben. Das ist wirklich eine Sache von Europa." Zudem gehe es nicht ohne ein Mehr an finanziellen Mitteln. "Wenn wir in Europa nicht abhängig sein wollen von Ländern, die wir nicht so richtig einschätzen können, werden wir mehr Geld für Arzneimittel ausgeben müssen."

Europäische Lösungen sind gefragt

Zurück in Dortmund. Das ein oder andere hat die Politik zwar beschlossen: "Das meiste davon wirkt sich aber erst in vielen Jahren aus", befürchtet Ausbüttel. Sie glaubt wie Minister Laumann, dass nur EU-weite Anstrengungen auf Dauer helfen werden, die Versorgung zu sichern. Kollege Dieckerhoff blickt nachdenklich auf seinen Schreibtisch. "Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber in einem Bereich wünsche ich mir die Corona-Pandemie zurück." Was er damit meint? Nun, Apotheken hatten in dieser Zeit mehr Möglichkeiten, bei nicht Lieferbarkeit die Wirkstoffe von anderen Herstellern abzugeben.


Und die Patientinnen und Patienten? "Auch wir können etwas tun", glaubt Walke. "Als Rheumatikerin brauche ich immer wieder die gleichen Medikamente. Wenn ich merke, dass sie zur Neige gehen, warte ich nicht bis zur letzten Tablette, sondern melde mich schon zwei Wochen vorher bei Herrn Dieckerhoff. Und mit dem ausreichenden Vorlauf konnte er mich bisher immer ausreichend versorgen", freut sich die Dortmunderin. 

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