Zu Anfang werden Typ-2-Diabetiker meist mit blutzuckersenkenden Tabletten behandelt. Doch früher oder später kann der Umstieg auf Insulin nötig werden. Professor Dr. Andreas Fritsche aus Tübingen, Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft erklärt, wann er seinen Patienten dazu rät.

Fritsche: Die Umstellung auf Insulin sollte dann erfolgen, wenn die Tablettentherapie nicht mehr ausreicht, den individuell für den Patienten festgelegten Blutzucker-Zielwert zu erreichen. Dieses Ziel wird durch den Langzeitblutzuckerwert HbA1C beschrieben. Der Normalwert für Gesunde liegt unter sechs Prozent, für Diabetespatienten wird meist ein Wert von sieben Prozent angestrebt. Je nach Alter, Dauer des Diabetes, Vorhandensein von Diabetes-Folgeerkrankungen, persönlichen und sozialen Verhältnissen kann der Zielwert aber darüber oder darunter liegen. Wird der individuelle Zielwert bei einer Behandlung mit mehreren blutzuckersenkenden Medikamenten dauerhaft überschritten, sollte spätestens mit einer Insulintherapie begonnen werden.
Fritsche: Je länger die Erkrankung besteht, desto schwächer wird in der Regel die Funktion der insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Da derzeit immer mehr Menschen in immer jüngerem Alter Typ-2-Diabetes bekommen und lange damit leben, wird auch bei sehr vielen eine Insulintherapie notwendig werden.
Fritsche: Ich erkläre den Patienten, dass es sich hier um ein Hormon handelt, das im Körper produziert wird und das jeder Mensch braucht. Die Angst ist bei den allermeisten Patienten eher theoretisch; nach den ersten Spritzen merken sie, dass diese nicht wehtun. Insulin zu spritzen ist auf die Dauer zwar lästig, die Angst vor Spritzen ist bei den sehr dünnen Nadeln eigentlich kein großes Problem mehr.
Fritsche: Bei einer Insulintherapie muss der Patient den Blutzucker messen und die Insulindosis der Blutzuckerhöhe anpassen können. Die große Gefahr der Insulintherapie ist die Unterzuckerung. Man muss also die Insulindosis vorsichtig anpassen und dem Patienten beibringen, wie er das selbst macht. Es geht also nicht, das Insulin einfach so "im Vorübergehen" zu verschreiben. Eine Insulintherapie muss ausführlich erklärt und erlernt werden, sonst handelt der Arzt fahrlässig.
Fritsche: Der Hauptvorteil der Insulintherapie ist die zuverlässige Blutzuckersenkung. Insulin senkt den Blutzucker, wenn andere Medikamente das nicht mehr ausreichend tun. Der Hauptnachteil sind die Unterzuckerungen, wenn die Dosierung falsch gewählt wird. Ferner wird häufig aufgeführt, dass Insulin zu Gewichtszunahme führt. Dies lässt sich aber oft vermeiden. Patienten, die auf Insulin umgestellt werden, hatten vorher oft sehr hohe Blutzuckerwerte und dadurch Gewicht und Wasser verloren. Wenn es ihnen dank des Insulins wieder besser geht, nehmen sie das vorher verlorene Gewicht wieder zu.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Apotheker Rüdiger Freund.
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