Autismus und Mimik: Wenn Gesichter verschiedene Sprachen sprechen

Elisabeth Kerler  |  19.01.2026 14:01 Uhr

Studie zur Mimik: Erwachsene mit und ohne Autismus drücken Emotionen im Gesicht unterschiedlich aus. Das könnte Missverständnisse erklären.

Junge Frau sitzt einer Älteren gegenüber. Letztere hat ihren Daumen an ihr Kinn gelegt. Die Jüngere sitzt leicht vorgebeugt und schaut der Älteren ins Gesicht.
Schwierigkeiten die Mimik zu deuten? Sie könnten nicht nur für Menschen mit Autismus bestehen, sondern für beide Seiten.
© Valeriy_G/iStockphoto

Gesichter zeigen, wie wir uns fühlen – doch sie tun das nicht bei allen Menschen auf die gleiche Weise. Ein Forschungsteam hat untersucht, wie sich die Gesichtsausdrücke für Emotionen bei Erwachsenen mit und ohne Autismus unterscheiden. Dafür hat es insgesamt nahezu 5.000 Gesichtsausdrücke zu Ärger, Freude und Traurigkeit von 25 Personen mit, und 26 Personen ohne Autismus analysiert. Insgesamt waren es mehr als 265 Millionen Datenpunkte. Die Ergebnisse zeigen: Erwachsene mit Autismus nutzten andere Gesichtsbewegungen als Erwachsene ohne Autismus. Zudem waren ihre Gesichtsausdrücke häufig einzigartiger.

Unterschiede bei Ärger, Freude und Traurigkeit

Die Studie fand mehrere charakteristische Unterschiede zu Menschen ohne Autismus:

  • Ärger: Erwachsene mit Autismus setzten stärker den Mund ein und weniger die Augenbrauen.
  • Freude: Das Lächeln fiel meist weniger ausgeprägt aus und bezog die Augen seltener mit ein.
  • Traurigkeit: Der Gesichtsausdruck entstand häufiger durch eine stärkere Bewegung der Oberlippe.

Diese Unterschiede bedeuten nicht, dass Emotionen weniger intensiv empfunden, sondern anders sichtbar werden.

Einfluss von Alexithymie

Zusätzlich spielte Alexithymie eine Rolle – eine häufig bei Autismus vorkommende Schwierigkeit, eigene Gefühle klar zu erkennen und zu benennen. Bei Erwachsenen mit Alexithymie wirkten Gesichtsausdrücke für Ärger und Freude weniger eindeutig.

Verschiedene Sprachen in Gesichtsausdrücken

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sich autistische und nicht-autistische Menschen nicht nur im Aussehen ihrer Gesichtsausdrücke unterscheiden, sondern auch darin, wie flüssig sie sie formen“, erklärt Studienautor Dr. Connor Keating in einer Mitteilung zur Veröffentlichung. Diese Unterschiede könnten erklären, warum es nicht nur Menschen mit Autismus schwerfällt, Gesichtsausdrücke von Menschen ohne Autismus zu verstehen, sondern das auch andersherum der Fall ist. 

Seniorautorin Professor Jennifer Cook schlussfolgert: „Autistische und nicht-autistische Personen drücken etwa ihre Gefühle verschieden aus, sie sind aber gleich bedeutsam – fast als sprächen sie verschiedene Sprachen. Was bisher manchmal als Schwierigkeit für Menschen mit Autismus interpretiert wurde, zeigt vermutlich eine Herausforderung von beiden Seiten, die Mimik der jeweils anderen Seite zu verstehen.“ Diese Idee erforsche das Team nun weiter.

Was bedeutet Autismus?

Autismus ist eine neurologische Entwicklungsvariante, die unter anderem beeinflussen kann, wie Menschen wahrnehmen, kommunizieren und soziale Signale deuten. Dazu gehört auch, wie Emotionen erkannt und ausgedrückt werden – etwa über Mimik.

Quelle: DOI 10.1002/aur.70157 

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