Sexualität ist ein wichtiger Teil des Lebens – auch im Alter. Die Vorstellung, dass das Verlangen im Alter verschwindet, sei ein Mythos, der nicht haltbar sei. Zu diesem Fazit kommt die norwegische Psychologin Sidsel Louise Schaller, die das Sexualleben älterer Erwachsener erforscht hat. Für ihre Forschungsarbeit hatte sie 32 Norwegerinnen und Norweger zwischen 65 und 85 Jahren zu Sexualität, Körpergefühl und sexuellem Wohlbefinden befragt und die Ergebnisse mit früheren Studien zu diesem Thema verglichen. Darauf weist die Universität Oslo, Fakultät der Sozialwissenschaften, in einer Pressemitteilung hin.
Sex im Alter ist häufiger, als viele denken
Eine erste Erkenntnis war, dass viele ältere Menschen kaum über ihr Sexualleben sprechen und auch von Gesundheitspersonal und anderen selten danach gefragt werden. Es gehe nicht darum, das Sexualleben bis ins Detail offenzulegen, so Schaller. Aber es sei wichtig, anzuerkennen, dass Menschen auch mit 60, 70, 80 oder sogar 90 Jahren noch Sex haben können und das sowohl für die geistige als auch für die körperliche Gesundheit von großer Bedeutung sein kann.
Sex – viel mehr als nur Geschlechtsverkehr
Überrascht war die Psychologin davon, wie viele Menschen Sex noch immer mit Geschlechtsverkehr gleichsetzen. Doch das greife zu kurz. Sexualität bedeutet auch Intimität und Nähe, Fantasien und Erinnerungen, Berührung, Kuscheln, Selbstbefriedigung oder gegenseitige Befriedigung. Gerade im Alter kann diese breitere Sicht entlasten, etwa wenn Erektionsprobleme, Schmerzen oder Krankheiten eine Rolle spielen. Entscheidend war für viele Befragte nicht die sexuelle Leistung, sondern das Gefühl, begehrt und geliebt zu werden. Manche hatten zudem gute Erfahrungen mit Potenzmitteln, Sexspielzeug und anderen Hilfsmitteln gemacht, andere fanden solche Dinge nicht notwendig für ein gutes Sexualleben.
Medikamente, Krankheiten und Scham als praktische Hürden
Viele ältere Menschen erleben körperliche Veränderungen. Auch Medikamente können Lust, Erregung oder sexuelle Funktion beeinflussen. Schaller fordert deshalb, dass Ärzte sexuelle Gesundheit häufiger ansprechen. Viele Patienten reden nicht von sich aus über solche Probleme, besonders wenn der Arzt deutlich jünger ist oder einem anderen Geschlecht angehört.
Auch im Alter: Kein Zwang zur Sexualität
So wichtig das Thema ist: Sex sollte nicht zu einer neuen Erwartung werden. Manche ältere Menschen entscheiden sich bewusst dagegen. Gründe können eine Erkrankung des Partners, frühere unangenehme Erfahrungen, fehlendes Interesse oder der Wunsch nach Ruhe sein. Einige empfinden es sogar als Erleichterung, keine sexuellen Erwartungen mehr erfüllen zu müssen. Wichtig ist deshalb die Balance: Ältere Menschen sollten mit ihrer Sexualität gesehen werden, ohne dass ihnen ein aktives Sexualleben als Maßstab für ein gutes Alter aufgedrängt wird.