Nikotinhaltige E-Zigaretten als „wahrscheinlich krebserregend“: Zu diesem Schluss kommt eine Übersichtsarbeit einer Forschungsgruppe aus Australien, die das Science Media Center (SMC) eingeordnet hat. Demnach können diese E-Zigaretten das Risiko für Lungen- und Mundhöhlenkrebs erhöhen.
Internationale Krebsforschungsagentur hat E-Zigaretten noch nicht eingestuft
Eine offizielle Bewertung durch die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) gibt es allerdings bislang noch nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass kein Risiko besteht – sondern dass die Datenlage noch nicht ausreicht, um eine endgültige Einstufung vorzunehmen. Die IARC verwendet zur Einordnung vier Gefahrengruppen: 1, 2a, 2b und 3. Sie hängt davon ab, wie gut die wissenschaftliche Evidenz dafür ist, dass ein Verhalten oder eine Substanz Krebs verursachen kann. „Wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ entspricht der Gruppe 2a, Rauchen von herkömmlichen Zigaretten zählt zu Gruppe 1: Es gibt ausreichende Belege, dass die Exposition Krebs beim Menschen verursacht.
Erhöhte Werte krebserregender Stoffe festgestellt
Die Auswertung berücksichtigt unter anderem Biomarker-Analysen, Zell- und Tierstudien. Diese zeigen, dass beim Konsum von E-Zigaretten verschiedene Mechanismen aktiviert werden können, die mit Krebs in Verbindung stehen – etwa DNA-Schäden oder entzündliche Prozesse. Professor Dr. Martin Widschwendter, Universität Innsbruck und nicht an der Übersichtsarbeit beteiligt, dazu gegenüber dem SMC: „Die mechanistische, epigenetische und präklinische Evidenz ist substanziell.“ Biomarker zeigten bei E-Zigaretten-Nutzern deutlich erhöhte Werte bekannter krebserregender Stoffe: Beispiele dafür seien tabakspezifische Nitrosamine, Acrylamid, Acrylnitril sowie Schwermetalle aus den Heizelementen, von denen viele die IARC als Gruppe 1 eingeordnet habe. Auch Biomarker-Spiegel für DNA-Schäden seien erhöht.
Auch konkrete Ergebnisse aus Tierversuchen geben Anlass zur Sorge: „Im Tiermodell entwickelten 22,5 Prozent der Mäuse nach inhalativer E-Zigaretten-Exposition Lungenadenokarzinome“, so Widschwendter, der auch Direktor des European Translational Oncology Prevention and Screening (EUTOPS) ist. Zusätzlich wurden bei Nutzenden erhöhte Werte bekannter krebserregender Stoffe gemessen, darunter bestimmte chemische Verbindungen und Schwermetalle.
Warum klare Langzeitdaten beim Menschen noch fehlen
Die Studienlage ist komplex. Widschwendter erklärt, warum eindeutigere Daten von Menschen bislang fehlen: „E-Zigaretten sind erst seit etwa 2010 breit verfügbar, Lungenkrebs hat aber eine Latenzzeit von 20 bis 40 Jahren.“ Hinzu kommt, dass viele Nutzende zuvor geraucht haben, was die Auswertung erschwert. „Das ist jedoch keine Entwarnung, sondern eine Frage der Zeit.“
Was das für Nutzer bedeutet
Die aktuelle Evidenz deutet darauf hin, dass E-Zigaretten gesundheitliche Risiken bergen könnten, auch wenn das genaue Ausmaß noch nicht beziffert werden kann. Widschwendter betont: „Schließlich erfüllen E-Zigaretten-Aerosole alle zehn ‚Key Characteristics of Carcinogens‘ des IARC“. Wer nicht raucht, sollte möglichst nicht mit dem Konsum beginnen.
Quelle: DOI 10.1093/carcin/bgag015 (Übersichtsarbeit)