Paare gleichen sich über die Jahre an
Wer jahrzehntelang zusammenlebt, teilt mehr als den Alltag: ähnliche Ernährung, dieselbe Wohngegend, vergleichbare Bewegungsgewohnheiten. Bei Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist längst bekannt, dass sich die Gesundheitsprofile von Paaren über die Zeit angleichen. Eine Untersuchung aus Taiwan legt nun nahe, dass dies auch für Demenz gilt.
Frauen 74 Prozent, Männer 69 Prozent
Ein Forschungsteam wertete Daten der taiwanischen Krankenversicherung aus den Jahren 1998 bis 2022 aus. Verglichen wurden mehr als 190.000 Menschen, deren Ehepartner eine Demenzdiagnose erhalten hatte, mit über 760.000 Personen ohne diesen Hintergrund. Die Gruppen stimmten in Alter, Geschlecht, Einkommen und Wohnort überein.
Das Ergebnis: Frauen, deren Partner an Demenz erkrankte, trugen ein um 74 Prozent erhöhtes relatives Risiko, selbst eine Diagnose zu erhalten. Bei Männern lag der Wert bei 69 Prozent.
Was die Zahlen tatsächlich bedeuten
Solche Prozentwerte klingen dramatischer, als sie sind. Das relative Risiko beschreibt lediglich, um wie viel wahrscheinlicher eine Gruppe erkrankt als eine andere, und sagt wenig darüber aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit im Einzelfall ausfällt. Aufschlussreicher sind daher die absoluten Zahlen.
Innerhalb von fünf Jahren erhielten 6,5 Prozent der Frauen mit erkranktem Partner selbst eine Demenzdiagnose, verglichen mit 3,7 Prozent in der Vergleichsgruppe. Bei den Männern lauteten die Werte 9,2 gegenüber 5,8 Prozent. Anders gerechnet: Auf 100 Betroffene kommen über fünf Jahre etwa drei zusätzliche Demenzfälle.
Erklärungen gibt es mehrere
Warum sich das Risiko innerhalb von Paaren häuft, konnte die Untersuchung nicht klären. Bemerkenswert ist jedoch, dass der Zusammenhang bestehen blieb, nachdem das Team etablierte Risikofaktoren beider Partner berücksichtigt hatte, darunter Bluthochdruck, Insulinresistenz, Depressionen und Angsterkrankungen. Gemeinsame Gesundheitsprofile allein erklären den Befund also vermutlich nur teilweise.
Ein Teil der Erklärung setzt bereits vor der Ehe an: Menschen wählen häufig Partner mit ähnlichem Bildungsstand, Einkommen und Gesundheitsverhalten. Über die Jahrzehnte kommen geteilte Lebensumstände hinzu.
Diskutiert wird zudem die Belastung durch die Pflege. Wer einen Partner mit Demenz betreut, erlebt oft dauerhaften Stress, gestörten Schlaf und soziale Isolation, bewegt sich weniger und ernährt sich schlechter. All das gilt als ungünstig für die geistige Gesundheit. Belegt ist dieser Weg durch die Untersuchung allerdings nicht, er bleibt eine Vermutung.
Was sich schützend auswirkt
An den bekannten Empfehlungen ändert der Befund nichts. Die Weltgesundheitsorganisation nennt als wirksame Strategien gegen geistigen Abbau weiterhin körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung, einen gut eingestellten Blutdruck, den Verzicht auf Tabak, ein Hörgerät bei Schwerhörigkeit und lebenslanges Lernen.
Für pflegende Angehörige liegt die praktische Botschaft woanders: Sie gehören zu einer Gruppe mit statistisch erhöhtem Risiko und sollten die eigene Gesundheit im Blick behalten. Entlastungsangebote und regelmäßige ärztliche Kontrollen erfüllen hier einen doppelten Zweck.
Quelle: DOI 10.1001/jamanetworkopen.2026.24175