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Tinnitus: Was hilft Patienten wirklich und was nicht?

Natascha Koch  |  02.11.2021

Bei Tinnitus rauscht, piepst, dröhnt oder klingelt es ständig im Ohr. Einige Betroffene leiden enorm darunter, vor allem, wenn die Ohrgeräusche chronisch werden. Was ihnen helfen kann und welche Therapien nicht zielführend sind, zeigt eine neue Leitlinie von Fachleuten der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC).

Ältere Frau, hält sich mit einer Hand ihre Ohren.
Tinnitus kann die Lebensqualität von Betroffenen sehr stark einschränken.
© Victor_69/iStockphoto

Der erste Ansprechpartner bei akutem Tinnitus ist laut Leitlinie der Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO), da nur dieser die notwendigen Untersuchungen zur Diagnose durchführen kann. Das gilt vor allem dann, wenn die Ohrgeräusche mit einem akuten Hörverlust einhergehen, z.B. einem Hörsturz.  

Halten die Ohrgeräusche länger als drei Monate an, gelten sie als chronisch. Auch hier ist eine Behandlung möglich und sollte immer dann erfolgen, wenn die Geräusche als störend oder belastend empfunden werden. Ziel der Therapie ist es, die Belastung durch den Tinnitus langfristig zu minimieren und Techniken zu erlernen, um die Erkrankung besser zu verarbeiten. Denn: „Einen Schalter, der ein Ohrgeräusch komplett wieder abschalten kann, gibt es nicht“, heißt es in der Leitlinie.

Tinnitus geht oft mit psychischen Beschwerden einher

„Der wichtigste Ausgangspunkt und Basis jeder Therapie sollte dabei die Diagnostik-gestützte Beratung und Aufklärung, das sogenannte Tinnitus-Counselling, sein“, erklärt Professor Dr. med. habil. Gerhard Hesse, Klinikleiter der Tinnitus Klinik, Bad Arolsen und einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie. Ziel ist es, die Betroffenen mittels Counselling zu einem informierten Umgang mit dem Ohrgeräusch zu ermuntern, um damit besser leben zu können. Da es bei chronischem Tinnitus auch oft zu psychischen Begleiterkrankungen wie Angstzuständen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Depressionen kommen kann, sei es zudem wichtig, diese in einem Gespräch und mittels eines Fragebogens zu erfassen und gezielt zu behandeln.

Auf der körperlichen Ebene der Behandlung ist zunächst der Ausgleich eines bestehenden Hörverlustes wichtig, dies könne die Belastung durch den Tinnitus oft schon positiv beeinflussen. Auch für eine psychologische Verhaltenstherapie liegen bereits umfangreiche Studien vor, die die Belastung durch den Tinnitus reduzieren können. Hier liegt der Fokus darauf, dass die Ohrgeräusche im Alltag weniger wahrgenommen werden. Eine klare Empfehlung gibt es außerdem für die Teilnahme an den Tinnitus-Selbsthilfegruppen.

Für viele Therapien fehlen wissenschaftliche Belege

Erstmals wurden in der Leitlinie auch nicht geeignete Empfehlungen aufgelistet, denen es an wissenschaftlichen Wirksamkeitsbeweisen mangelt. „Dies ist eine wichtige Hilfestellung für die Patientinnen und Patienten, die im Internet mit einer Vielzahl von Maßnahmen konfrontiert werden, die nicht zielführend sind“, so Professor Dr. med. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums an der Charité, Berlin und ebenfalls federführende Autorin der Leitlinie. Dazu zählen folgende Maßnahmen: die unterbrochene Notch-Musik, die als Smartphone-App oder in Verbindung mit Hörgeräten angeboten wird, sowie weitere App-gestützte Soundtherapien und andere akustische Neuromodulations-Verfahren, die sich als wenig wirksam erwiesen haben. Dazu zählt auch die transkranielle Elektro- und Magnetstimulation sowie die invasive Vagusnervstimulation.

Da es auch keine Wirksamkeitsnachweise für Nahrungsergänzungsmittel und andere Medikamente gegen Tinnitus im chronischen Stadium gibt, werden auch diese nicht empfohlen. Eine Ausnahme seien lediglich Arzneimittel gegen Schlaf- und Angststörungen oder Depressionen, die jedoch nur dann zum Einsatz kommen sollten, wenn diese Erkrankungen den Tinnitus begleiten.

Quelle: AWMF Leitlinie Chronischer Tinnitus

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