Sportpsychologisch kein Zufall
Das Aus der deutschen Mannschaft im Elfmeterschießen gegen Paraguay kam für viele Fans überraschend. Aus sportpsychologischer Sicht ist eine solche Sensation jedoch kein Zufall. „Natürlich gibt es objektiv einen Leistungsunterschied zwischen den absoluten Top-Teams und den Außenseitern. Dennoch stehen bei einer Weltmeisterschaft ausschließlich Profis auf dem Platz“, sagt Alexander Wendland, Fachdozent für Sportpsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. Viele Spieler wurden in denselben Nachwuchsleistungszentren der Proficlubs ausgebildet oder stehen bei europäischen Profi- und Spitzenvereinen unter Vertrag.
Warum Druck Favoriten schwächt
Den entscheidenden Unterschied macht deshalb häufig nicht die fußballerische Qualität, sondern der Umgang mit Druck, Erwartungen und Emotionen. Vom Favoriten wird der Sieg erwartet. In der Sportpsychologie spricht man vom sogenannten „Choking under Pressure“: Unter hohem Erwartungsdruck fällt es selbst Spitzensportlern oftmals schwer, ihre gewohnte Leistung abzurufen. Aus Routine wird Verkrampfung, aus Leichtigkeit Kontrolle – und die Fehlerquote steigt.
Außenseiter wachsen oft über sich hinaus
Außenseiter gehen dagegen mit einer ganz anderen Ausgangslage in ein Spiel. Von ihm wird kein Sieg erwartet. Sie haben wenig zu verlieren, können mutiger auftreten und gewinnen mit jeder gelungenen Aktion zusätzliches Selbstvertrauen. Genau daraus entsteht häufig das sogenannte Momentum – ein psychologischer Effekt, bei dem positive Emotionen und Erfolgserlebnisse die Leistung der gesamten Mannschaft steigern. Ein gewonnener Zweikampf, ein perfekter Pass oder ein unerwartetes Tor: Oft schlägt ein Spiel in nur wenigen Sekunden um.
Mehr als eine Fußball-Geschichte
Ob Griechenland 2004, Marokko bei der WM 2022 oder jetzt Paraguay: Überraschungen gehören zum Sport. Sie zeigen, dass Erfolg nicht allein von Talent oder Marktwert abhängt. Wer mit Druck umgehen kann, als Team funktioniert und im entscheidenden Moment mental stabil bleibt, hat oft den entscheidenden Vorteil. Das gilt nicht nur für den Sport: Auch im Beruf, im Studium oder in jedem Team erlebt man, wie Erwartungen Druck erzeugen, wie sich Stimmungen auf andere übertragen oder wie Menschen mit einem gemeinsamen Ziel über sich hinauswachsen.