Psyche

Adel Tawil: "Ich hatte sehr großes Glück"

aponet.de  |  01.04.2023

Schon viele Jahre mischt Adel Tawil ganz oben in der deutschen Popmusikszene mit. Eigentlich ein Grund für ihn, stolz auf seine Leistung zu sein. Im Interview erzählt der Berliner, warum ihm das nicht immer leichtfällt.

Adel Tawil.

© Sandra Ludewig

Sie sind in Berlin-Siemensstadt aufgewachsen. Für Nicht-Berliner: Was für ein Stadtteil ist das?

Adel Tawil: Siemensstadt ist eine Werkssiedlung, die zur Hälfte in Charlottenburg und zur Hälfte in Spandau liegt. Die Firma Siemens hat in den 1970er-Jahren viele Menschen aus dem Ausland angeworben, in der Firma zu arbeiten, und ihnen günstige Wohnungen zur Verfügung gestellt. Auch meine Mutter war dabei mit ganz vielen anderen tunesischen Frauen, die noch heute miteinander befreundet sind. Ich habe also ganz viele "Tanten".

Wohnen Sie dort noch?

Adel Tawil: Heute wohne ich mitten in Charlottenburg in einer Altbauwohnung. Ich fühle mich wohl in meinem Kiez, denn das ganze Viertel ist mein Zuhause. Nebenan gehe ich frühstücken, nicht weit ist mein Obsthändler, es gibt äthiopische und asiatische Restaurants. Kunst und Kultur werden großgeschrieben, trotzdem hat die Stadt noch ihre Ecken und Kanten.

In einem Lied Ihres neuen Albums klingt es fast, als wollten Sie das alles gerne hinter sich lassen.

Adel Tawil: Immer wenn der Druck besonders hoch ist, denke ich: "Warum mache ich das alles eigentlich? Ich höre auf damit, ich muss weg." Das gab es schon früher bei mir. Nach jedem Album-Tour-Zyklus habe ich mich für eine gewisse Zeit abgemeldet und bin nach Hawaii geflogen. Zwölf Stunden Zeitunterschied – weiter weg ging es nicht mehr. Da habe ich mir eine Hütte gemietet und ein Surfbrett. Mit dieser grundlosen Angst vor dem Scheitern musste ich erst lernen, umzugehen. Mittlerweile erkenne ich die Muster. Heute muss ich nicht mehr nach Hawaii. Heute fahre ich zum Besinnen eher in die Berge.

Gibt es ein zentrales Thema auf dem Album?

Adel Tawil: Das Album heißt Spiegelbild und der Name ist Programm, denn der Schwerpunkt liegt auf der Reise zu sich selbst. Die Coronazeit hat vieles bei mir verändert. Ich fragte mich, was willst du eigentlich noch vom Leben? Ist es noch das Ziel, immer ganz vorne mitzumischen? Wie willst du dich persönlich weiterentwickeln? Bei einem Lied geht es zum Beispiel darum, dass mir das Wort "Stolz" ständig im Kopf herumgespukt ist. Man ist stolz auf seine Kinder, aber irgendwie nicht auf sich selbst. Ich weiß nicht, ob das allen so geht, aber ich tendiere eher dazu zu sagen, dieses ist noch nicht gut genug, jenes hast Du vergurkt. Da auf die Bremse zu treten und zu sagen, das hast du ganz gut gemacht, daran muss ich arbeiten.

Neben Ihrer Musik arbeiten Sie als Präsident für die ZNS-Hannelore Kohl Stiftung. Wie kam es dazu?

Adel Tawil: Die Stiftung ist auf mich aufmerksam geworden und hat angefragt, ob ich mitmachen möchte. Nach meiner eigenen schweren Wirbelsäulen- Verletzung wollte ich mich dort gern engagieren. Die Stiftung kümmert sich um Menschen, die ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben. Toll finde ich, dass die ZNS-Stiftung auch den Angehörigen zur Seite steht, und ihnen hilft, den in der Anfangszeit oft hohen bürokratischen Aufwand zu meistern. Daneben kümmert sich die Stiftung um die Prävention, zum Beispiel dass Menschen auf dem Fahrrad oder Electro-Scooter einen Helm tragen.

Wie haben Sie sich an der Wirbelsäule verletzt?

Adel Tawil: Nach einem Sprung in ein unerwartet flaches Schwimmbecken in Ägypten bin ich mit dem Kopf an die Poolwand gestoßen. Das hat ganz schön gerumst. Anfangs dachte ich mir nicht viel dabei, aber es tat sehr weh, und ich musste meinen Kopf mit der Hand am Kinn halten. Für einen Orthopäden immer ein Zeichen, dass etwas mit der Wirbelsäule nicht stimmt – wie ich später lernte. Im Krankenhaus wurde das geröntgt und auf den Bildern sah man, dass der Atlas, also der erste Halswirbel, an vier Stellen gebrochen war. Man nennt es Jefferson-Fraktur. Diese Verletzung ist sehr selten und führt oft zum Tod oder zu einer Querschnittslähmung.

Wie wurde der Bruch behandelt?

Adel Tawil: Im Krankenhaus in Berlin wurde ich vor die Wahl gestellt, den Bruch operieren zu lassen oder konservativ zu behandeln. Konservativ bedeutet, sich monatelang zu schonen und eine Halskrause zu tragen. Für mich war sofort klar, dass ich die Halskrause bevorzuge, weil ich eine Operation in der Nähe meiner Stimmbänder nicht riskieren wollte. Ich habe dann Monate überwiegend im Liegen verbracht. Von meinem Vater bekam ich einen gemütlichen Fernsehsessel. Das war 2016 in einem brutal heißen Sommer, in dem ich dann viel ferngesehen habe.

Das hätte weitaus schlimmer ausgehen können. Ist es gut verheilt?

Adel Tawil: Glücklicherweise fühle ich mich relativ OK. Ich merke es noch, wenn ich den Kopf drehe, und muss Übungen dafür machen, aber im Großen und Ganzen geht es mir gut. Ich hatte sehr großes Glück, was mich demütig macht. Ich war früher abenteuerlustig, habe aber nach der Verletzung mehrere Gänge zurückgeschaltet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Rüdiger Freund

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