ADHS bei Erwachsenen: Medikamente in Europa häufiger verordnet

Elisabeth Kerler  |  17.02.2026 09:28 Uhr

ADHS bei Erwachsenen wird häufiger medikamentös behandelt. Studiendaten aus fünf europäischen Ländern geben Einblick in Verschreibungen und Therapieverlauf.

Mann nimmt eine Tablette, er hat das Blister noch gut sichtbar in der Hand. Auf seinem Schreibtisch liegt ein offener Block und Dokumente – leicht unordentlich.
Medikament gegen ADHS eingenommen? Die Geschlechterlücke bei den Verschreibungen schließt sich laut Studie mit den Jahren.
© Miljan Živković/iStockphoto

Die Verschreibungen für Medikamente gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ADHS für Erwachsene sind gestiegen – und zwar in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Spanien und im Vereinigten Königreich. Dabei verringert sich über die Jahre auch der Unterschied zwischen Frauen und Männern. Das sind zentrale Ergebnisse einer Studie im Auftrag der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, die zum „Data Analysis and Real World Interrogation Network“ (DARWIN EU®) gehört. Das Forschungsteam analysierte elektronische Gesundheitsdaten aus den fünf Ländern.

Weniger als jeder Siebte nimmt in Deutschland Medikamente noch nach einem Jahr

Dabei stellte es fest: Im UK nutzten 2023 mehr als zwanzigmal so viele Frauen und fünfzehnmal so viele Männer ab einem Alter von 25 Jahren die ADHS-Medikamente als 2010. Dort nahmen ein Jahr nach der ersten Verschreibung noch 31 Prozent der Neu-Therapierten die Medikamente ein, in Spanien waren es 44 Prozent, in den Niederlanden 16 Prozent – und in Deutschland nur 15 Prozent. 

Das wirft Fragen danach auf, ob mehr Menschen ADHS haben oder nur mehr Menschen ADHS-Medikamente verschrieben bekommen. Zu dieser Frage herrschen auch in der Medizin verschiedene Meinungen:

Fachmeinung: Versorgungslücke in Deutschland? 

So weist laut Professor Dr. Alexandra Philipsen, Universitätsklinikum Bonn, die geringe Quote Neutherapierten, die nach einem Jahr die Behandlung fortführten, auf eine Versorgungslücke in Deutschland hin. Zur Versorgung gehöre auch die Aufklärung, Begleitung bei der Eindosierung und Beurteilung von Wirkung und Verträglichkeit. Sie ordnet auch den Ländervergleich gegenüber dem Science Media Center (SMC) ein: „In den Niederlanden wurde die ADHS sehr früh wissenschaftlich bei Kindern und Erwachsenen adressiert. In Deutschland haben wir lange gebraucht, die ADHS bei Erwachsenen als Diagnose zu erkennen und zu akzeptieren.“

Weitere Fachmeinung: Überdiagnostik und zu viele Verordnungen

Dagegen kritisiert Professor Dr. Hanna Christiansen von der Philipps-Universität Marburg eine unangemessene Diagnosepraxis in Deutschland: Ein Abweichen vom Diagnose-Goldstandard führe aber zu Fehldiagnosen, auch von anderen, psychischen Störungen. Diese würden möglicherweise falsch mit ADHS-Medikamenten behandelt. Sie betont: „Zudem wird in Deutschland in jedem Fall zu viel verordnet und dies auf Basis mangelnder Evidenz zur Wirksamkeit beziehungsweise sogar negativen Befunden. Dieser Diskus ‚ADHS = neurobiologische Störung = medikamentöse Behandlung‘ muss dringend vom Kopf auf die Füße gestellt werden.“

Quelle: DOI 10.1016/j.lanepe.2025.101556  

WhatsApp Kanal Banner
Medikamente ohne Zuzahlung

Alle zwei Wochen neu: die aktuelle Liste der zuzahlungsfreien Arzneimittel.

Arzneimitteldatenbank

Medikamenten-Name oder Wirkstoff eingeben für mehr Informationen.

Podcast
Podcast-Logo "aponet in 3 Minuten"
Podcast
Beratung

Im Fokus diesmal: Rückruf von Säuglingsnahrung, Brotsorten bei Diabetes und wie gut Efeu gegen…

Krankheiten von A - Z

In diesem Lexikon finden Sie umfassende Beschreibungen von etwa 400 Krankheitsbildern

nach oben