Die Verschreibungen für Medikamente gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ADHS für Erwachsene sind gestiegen – und zwar in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Spanien und im Vereinigten Königreich. Dabei verringert sich über die Jahre auch der Unterschied zwischen Frauen und Männern. Das sind zentrale Ergebnisse einer Studie im Auftrag der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, die zum „Data Analysis and Real World Interrogation Network“ (DARWIN EU®) gehört. Das Forschungsteam analysierte elektronische Gesundheitsdaten aus den fünf Ländern.
Weniger als jeder Siebte nimmt in Deutschland Medikamente noch nach einem Jahr
Dabei stellte es fest: Im UK nutzten 2023 mehr als zwanzigmal so viele Frauen und fünfzehnmal so viele Männer ab einem Alter von 25 Jahren die ADHS-Medikamente als 2010. Dort nahmen ein Jahr nach der ersten Verschreibung noch 31 Prozent der Neu-Therapierten die Medikamente ein, in Spanien waren es 44 Prozent, in den Niederlanden 16 Prozent – und in Deutschland nur 15 Prozent.
Das wirft Fragen danach auf, ob mehr Menschen ADHS haben oder nur mehr Menschen ADHS-Medikamente verschrieben bekommen. Zu dieser Frage herrschen auch in der Medizin verschiedene Meinungen:
Fachmeinung: Versorgungslücke in Deutschland?
So weist laut Professor Dr. Alexandra Philipsen, Universitätsklinikum Bonn, die geringe Quote Neutherapierten, die nach einem Jahr die Behandlung fortführten, auf eine Versorgungslücke in Deutschland hin. Zur Versorgung gehöre auch die Aufklärung, Begleitung bei der Eindosierung und Beurteilung von Wirkung und Verträglichkeit. Sie ordnet auch den Ländervergleich gegenüber dem Science Media Center (SMC) ein: „In den Niederlanden wurde die ADHS sehr früh wissenschaftlich bei Kindern und Erwachsenen adressiert. In Deutschland haben wir lange gebraucht, die ADHS bei Erwachsenen als Diagnose zu erkennen und zu akzeptieren.“
Weitere Fachmeinung: Überdiagnostik und zu viele Verordnungen
Dagegen kritisiert Professor Dr. Hanna Christiansen von der Philipps-Universität Marburg eine unangemessene Diagnosepraxis in Deutschland: Ein Abweichen vom Diagnose-Goldstandard führe aber zu Fehldiagnosen, auch von anderen, psychischen Störungen. Diese würden möglicherweise falsch mit ADHS-Medikamenten behandelt. Sie betont: „Zudem wird in Deutschland in jedem Fall zu viel verordnet und dies auf Basis mangelnder Evidenz zur Wirksamkeit beziehungsweise sogar negativen Befunden. Dieser Diskus ‚ADHS = neurobiologische Störung = medikamentöse Behandlung‘ muss dringend vom Kopf auf die Füße gestellt werden.“
Quelle: DOI 10.1016/j.lanepe.2025.101556