Kinderlähmung (Poliomyelitis)

ABDATA Pharma-Daten-Service  |  19.03.2026 00:00 Uhr

Das medizinische Fachwort für Kinderlähmung ist Poliomyelitis. Die deutsche Bezeichnung ist etwas irreführend, da zwar schwere Verläufe überwiegend Kinder betreffen, aber auch Erwachsene erkranken können. Auslöser ist ein von Mensch zu Mensch übertragenes Virus. Meist bleibt die Infektion folgenlos, in einigen Fällen aber kommt es zu einer Hirnhautentzündung und teils zu anhaltenden Lähmungen. Schutz bietet eine Impfung.

Inhaltsverzeichnis

Krankheitsbild

Eine Poliomyelitis entsteht bei nicht durch eine Impfung geschützten Menschen durch die Infektion mit Polioviren, die überwiegend als Schmierinfektion durch mit dem Stuhl ausgeschiedene Viren abläuft.
Die Infektion bleibt bei den meisten Betroffenen folgenlos. Treten Symptome auf, dann innerhalb von 3 bis zu 35 Tagen. Es kann sich eine sogenannte abortive Poliomyelitis ohne Beteiligung des Zentralen Nervensystems mit leichteren Beschwerden entwickeln. Bei einem Teil der Erkrankten befallen die Viren aber auch das Zentrale Nervensystem. Im Fall der nichtparalytischen Poliomyelitis treten dann Symptome einer Hirnhautentzündung auf. Mitunter kann es nach kurzer Besserung zur paralytischen Form der Krankheit kommen, mit schlaffen Lähmungen. Kinder haben diesen schweren Verlauf häufiger als Erwachsene.

Eine heilende Behandlung gibt es nicht, es können nur Symptome gelindert werden. Vorbeugenden Schutz bietet eine Impfung.
In Rachensekreten können Polioviren nach einer Infektion etwa eine Woche vorhanden sein und ausgeschieden werden. Über den Stuhl beginnt die Ausscheidung von Polioviren 2 bis 3 Tage nach der Infektion und kann bis zu 6 Wochen anhalten, vereinzelt, etwa bei Immunschwäche, können es sogar Monate oder Jahre sein.

Symptome/Verlauf

In 4 bis 8 Prozent der Infektionsfälle verläuft die Erkrankung als abortive Poliomyelitis. Kurzeitig können sich dabei Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Fieber, Hals-, Muskel- und Kopfschmerzen bemerkbar machen. Etwa 3 bis 7 Tage später kann es bei 2 bis 4 Prozent der Infektionsfälle zur nichtparalytischen Poliomyelitis mit Symptomen einer Hirnhautentzündung wie Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelkrämpfen kommen. Bei 0,1 bis 1 Prozent der Infizierten macht sich nach kurzer Besserung dann erneut Fieber bemerkbar und es sind schlaffe Lähmungen der Arm- oder Beinmuskulatur und mitunter auch der Sprech-, Schluck- oder Atemmuskulatur möglich. Die Lähmungen verteilen sich oft ungleich und können sich teilweise wieder zurückbilden.

Folgen/Komplikationen

Eine paralytische Poliomyelitis kann neben anhaltenden schlaffen Lähmungen und den daraus folgenden Einschränkungen zu Muskelschwund, Gelenkzerstörung oder vermindertem Knochenwachstum führen. Ist die Atemmuskulatur betroffen, brauchen Betroffene möglicherweise Unterstützung beim Atmen, zeitweise oder mitunter auch über lange Zeit. Das übernahm in früherer Zeit eine "Eiserne Lunge", in der die Patienten lagen.

Sehr schwer verläuft die seltene bulbäre Form einer Poliomyelitis mit Schluckproblemen oder Störungen der Atem- und Kreislaufregulation, sie endet in vielen Fällen tödlich. Noch Jahre oder Jahrzehnte nach der einer überstandenen Polioerkrankung kann es möglicherweise zu einer zunehmenden Muskelschwäche, Lähmungen und Muskelschwund kommen. Man erklärt sich das durch anhaltende Überlastung ursprünglich nicht durch die Krankheit betroffener, für Muskelbewegungen wichtiger Nervenzellen. Neben den genannten muskulären Beschwerden können Betroffene vermehrt Schmerzen in Muskeln und Gelenken, Müdigkeit, Erschöpfung, Atemprobleme oder Schluckstörungen zu schaffen machen. Das Syndrom wird als Post-Polio-Syndrom bezeichnet.

Ursachen/Risikofaktoren

Von den drei Wildtypen des Poliovirus kommt weltweit nur noch einer vor. Die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch meist in Form von Schmierinfektionen durch mit dem Stuhl ausgeschiedene Viren, seltener über eine Tröpfcheninfektion. Insgesamt begünstigen schlechte hygienische Verhältnisse und unzureichende Durchimpfungsraten die Verbreitung. In Deutschland ist seit 1990 keine hier erworbene Polioerkrankung mehr nachgewiesen worden. Es gibt aber nach wie vor einige wenige Länder, in denen der Wildtyp 1 des Poliovirus noch vorkommt. Das Virus könnte also nach wie vor wieder nach Deutschland importiert werden.
In Ländern, in denen es noch die Schluckimpfung mit Polio-Lebendimpfstoffen gibt, zirkulieren Impfviren, bei denen es sich um abgeschwächte Polioviren handelt. Diese verursachen keine Erkrankung. In Deutschland werden Polio-Lebendimpfstoffe schon lange nicht mehr angewendet, stattdessen setzt man zu spritzende Totimpfstoffe mit inaktivierten Viren ein. Impfviren können aber noch aus anderen Ländern nach Deutschland gelangen und sind hierzulande auch in Abwasserproben nachgewiesen worden. Sollten sich Impfviren genetisch verändern, können sie in seltenen Fällen Poliomyelitis-typische Symptome verursachen. Eine Polioimpfung schützt davor.

Das kann helfen

Was der Arzt tun kann:

Das wichtigste ist, dass Ärztinnen oder Ärzte bei ihren Patienten den Impfschutz gegen Polio kontrollieren, sie auf Impflücken hinweisen und bei Bedarf den Impfschutz vervollständigen. Bei Säuglingen und Kleinkindern gehört die Impfung gegen Polio zu dem von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Standard-Impfprogramm. Poliomyelitis ist eine meldepflichtige Erkrankung und führt zu Einschränkungen für die Betreuung oder Tätigkeit in Gemeinschaftseinrichtungen oder medizinische Einrichtungen. Wann Betroffene und nahe Kontaktpersonen nicht mehr infektiös sind und mögliche Einschränkungen entfallen dürfen, entscheiden die behandelnden Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise die zuständigen Gesundheitsämter.

Was man selbst tun kann:

Wichtig ist vor allem für ein guter Impfschutz gegen Poliomyelitis. Nach der Grundimmunisierung empfiehlt die STIKO hierzulande eine einmalige Auffrischung zwischen 9 und 16 Jahren oder im Erwachsenenalter, falls die Auffrischung noch fehlt. Bei Fernreisen empfiehlt sich eine reisemedizinische Beratung, um festzustellen, ob der vorhandene Impfschutz gegen Polio und andere Erkrankungen für das Reiseland ausreicht.

Wer Fragen zu Polio und zu Impfungen dagegen oder gegen andere Erkrankungen hat, sollte sich ärztlich beraten lassen. Der vorliegende Beitrag kann diese Beratung nicht ersetzen.Quellenangabe:
Hahn, Kaufmann, Schulz, Suerbaum, Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie, Springer, (2009), 6.Auflage

Die Information liefert nur eine kurze Beschreibung des Krankheitsbildes, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie sollte keinesfalls eine Grundlage sein, um selbst ein Krankheitsbild zu erkennen oder zu behandeln. Sollten bei Ihnen die beschriebenen Beschwerden auftreten, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Apotheker.

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