Am 6. Januar, kurz vor 8 Uhr, bekam Apotheken-Inhaberin Bianca Dabbagh den erlösenden Anruf ihrer Hauseigentümerin: Der Strom in ihrer Stolpe-Apotheke in Berlin-Wannsee funktioniert wieder. Seit Samstagmorgen, dem 30. Dezember 2025, war es in der Chauseestraße stockdunkel gewesen. „Endlich konnten wir die Rollos wieder hochfahren. Am Wochenende musste ich hier mit Stirnlampe die nötigsten Sachen erledigen.“
Am wichtigsten war zunächst das Management der kühlpflichten Arzneimittel, erzählte Dabbagh. „Die Kühlschränke halten ja relativ lange die Temperatur, sodass wir die Sachen in Styroporboxen gepackt, nach draußen gestellt und abgedeckt haben. Wir haben einen separaten Hof, zu dem kein Fremder Zugang hat.“ Das Team merkte jedoch schnell, dass die Temperaturen in die Minusgrade gingen. „Danach haben wir die Sachen zu meiner Schwester transportiert, in einem großen Kühlschrank verstaut und die Temperatur überwacht“, so die Apothekerin. Einer vom Stromausfall betroffenen Kundin sei es passiert, dass ihre im Freien gelagerten Medikamente einfroren und somit unbrauchbar wurden. „Bei uns konnten die Sachen jedoch sehr gut zwischengelagert werden.“
Zum Aufladen nach Kleinmachnow
Bianca Dabbagh hatte bereits im Herbst für Notfälle zwei große Überbrückungsbatterien vom Modell „CyberPower“ (Wepa) gekauft – diese waren jedoch noch nicht angeschlossen, weil der Elektriker damals keine Zeit hatte. Das benachbarte Kleinmachnow, Bianca Dabbaghs Wohnort, war nicht vom Stromausfall betroffen. "Wir fuhren die mehr als 20 Kilogramm schweren Batterien also nach Kleinmachnow, luden sie dort auf und brachten sie wieder zurück in die Apotheke – somit konnten wir damit dann den Computer hochfahren“, schilderte sie.
Problem: Datenübertragung zum Blisterzentrum
„Leider hatten wir ein Riesenproblem, was mich wirklich zwei schlaflose Nächte gekostet hat: Wir sind heimversorgende Apotheke mit Verblisterung und brauchten Blister“, erzählte Dabbagh gegenüber der PZ. Die Frage war dabei: Wie konnten die notwendigen Daten dafür in das Blisterzentrum in Kleinmachnow übertragen werden? „Wir hatten riesiges Glück, weil wir tatsächlich gestern schon wieder Internet bekamen und die Daten mit dem hochgefahrenen Computer gestern noch übermitteln konnten.“
Die Apothekerin resümierte: „Ich male mir gar nicht aus, was gewesen wäre, wenn Kleinmachnow auch betroffen gewesen wäre. Dann wäre die Versorgung wirklich ganz schwierig geworden.“
Über Handynummer stets erreichbar
Für ihre Kundinnen und Kunden war Dabbagh stets erreichbar, auch weil sie während des Blackouts in Kleinmachnow war. Am Samstagmorgen hinterließ sie an der Außentür einen Zettel mit ihrer Handynummer. „Das haben auch Kunden genutzt. Die Heime, die wir betreut haben, hatten auch alle die Nummer.“ Manche Kunden rief die Apothekerin wegen bestimmter Arzneimittel auch selbst an, um zu wissen, ob sie sie benötigen. Ein Glück sei auch gewesen, dass viele Kunden ihre Medikamentenbestellungen noch vor den Feiertagen abgeholt hatten.
Guten Kontakt per Mobiltelefon hatte sie auch mit den Ärztinnen und Ärzten. „Der Kontakt untereinander zwischen den Ärzten, zwischen den Pflegeeinrichtungen und den Kunden und uns war ganz wichtig, und das haben wir sehr schnell aufgebaut.“
Größerer Schaden wurde vermieden
Laut Dabbagh konnte größerer Schaden vermieden werden, einzig der Ertrags- und Arbeitsausfall, der sich auf ein paar Tausend Euro belaufe. „Die für uns größte Belastung war: Was machen wir mit den Patientinnen und Patienten, die von uns abhängig sind? Klappt alles mit den Heimbewohnern?“, so Dabbagh am Dienstag, 6. Januar. „Erst seit gestern wussten wir, dass dort die Versorgung geklappt hatte. Gestern Morgen hörte sich das aber noch gar nicht gut an, ob das uns gelingt. Aber dann haben wir einfach viel, viel Glück gehabt. Das hätte auch anders sein können.“
Ertragsausfall: quasi „Privatvergnügen“
„Den Ertragsausfall zahlt die Versicherung nicht. Das ist quasi unser Privatvergnügen. Aber das kann man verschmerzen, selbst wenn es weh tut. Aber das ist so unwichtig, es geht um ganz andere Sachen“, sagte sie. „Das wird einem dann in so einem Moment erst bewusst: Unser System wird immer fragiler.“
Vorkehrungen, die die Apothekerin treffen will
Nach dieser Erfahrung will Bianca Dabbagh nun einige Vorkehrungen treffen. Zunächst will sie ein Notfallradio mit Solarzelle und Batterien anschaffen, um unabhängig vom Internet zu sein. „Außerdem schließen wir unseren Kühlschrank nun endlich an diese Batterien an. Falls so etwas im Sommer passiert, kommt es wirklich auf jede Sekunde ja an. Einen Betrieb im Fall eines Stromausfalls auch mit Notstromaggregaten komplett aufrechtzuerhalten, ist bei unseren komplexen Systemen fast unmöglich“, erklärte sie.
Für die Apothekerin ist nach dieser Erfahrung klar: „Wir sind viel zu angreifbar. Diese Problematik mit den Anschlägen tritt nicht zum ersten Mal auf. Das Stromnetz ist schon größtenteils unterirdisch, aber man kennt die neuralgischen Punkte und so etwas wie jetzt wäre vermeidbar gewesen, wenn man diese Stellen besser überwacht und schützt, also wirklich kontrolliert und im Zweifel Sicherheitsdienste einsetzt.“ Bis jetzt sei noch nicht sicher, ob der Zeitplan wirklich eingehalten werden könne. „Das ist eine solche Herausforderung und alle, die zurzeit daran arbeiten, leisten wirklich Erstaunliches.“
In Bianca Dabbaghs Nachbarschaft waren am 6. Januar noch viele Wohnungen dunkel, weshalb sie eine Anlaufstelle sein möchte und warme Suppe und etwas zu Trinken anbietet. „Ich finde, das gehört im Kiez einfach mit dazu.“