Wer regelmäßig zu Produkten mit Süßstoffen greift, erwartet meist Vorteile für Gewicht oder Blutzucker. Doch für die Hirngesundheit könnte der Zusammenhang komplizierter ausfallen. In einer großen Studie zeigten Menschen mit der höchsten Aufnahme künstlicher und kalorienarmer Süßstoffe einen deutlich schnelleren Abbau ihrer Denk- und Erinnerungsfähigkeit als Personen mit der niedrigsten Aufnahme.
Bis zu 1,6 Jahre zusätzliche kognitive Alterung
Besonders bemerkenswert: Die Forscher schätzten, dass der Unterschied zwischen den Gruppen einer zusätzlichen kognitiven Alterung von etwa 1,6 Jahren entsprach. Menschen mit mittlerem Süßstoffkonsum zeigten ebenfalls einen schnelleren Rückgang ihrer kognitiven Leistungen. Der Zusammenhang war vor allem bei Teilnehmern unter 60 Jahren zu beobachten. Zudem fiel er bei Menschen mit Diabetes stärker aus als bei Personen ohne die Stoffwechselerkrankung.
Die Forscher analysierten sieben häufig verwendete Süßstoffe:
Aspartam
Saccharin
Acesulfam K
Erythrit
Xylit
Sorbit
Tagatose
Sechs dieser Stoffe standen mit einem schnelleren Rückgang der allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit, insbesondere des Gedächtnisses, in Verbindung. Nur für Tagatose fanden die Wissenschaftler keinen entsprechenden Zusammenhang. Süßstoffe kommen häufig in Light-Limonaden, aromatisiertem Wasser, Energydrinks, Joghurts und kalorienreduzierten Desserts vor. Einige werden auch separat zum Süßen von Kaffee, Tee oder Backwaren verwendet.
Fast 13.000 Erwachsene wurden acht Jahre begleitet
Für die im Fachjournal Neurology veröffentlichte Untersuchung wurden 12.772 Erwachsene aus Brasilien über etwa acht Jahre begleitet. Das Durchschnittsalter lag bei 52 Jahren. Zu Beginn machten die Teilnehmer detaillierte Angaben zu ihren Ernährungsgewohnheiten. Anschließend wurden sie je nach Süßstoffaufnahme in Gruppen eingeteilt. Während der Studiendauer absolvierten sie wiederholt Tests zu Gedächtnis, Sprachfähigkeit, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit. Auch nach Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen blieb der Zusammenhang zwischen hoher Süßstoffaufnahme und schnellerem kognitivem Abbau bestehen.
Was die Studie zeigt und was nicht
Die Ergebnisse sind für viele Menschen relevant, weil Süßstoffe heute in zahlreichen Alltagsprodukten enthalten sind. Dennoch sollten die Daten nicht überinterpretiert werden. Die Untersuchung zeigt lediglich einen Zusammenhang und keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Es lässt sich also nicht belegen, dass Süßstoffe den kognitiven Abbau direkt verursachen. Andere, nicht erfasste Faktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls beeinflusst haben.
Hinzu kommt, dass die Angaben zur Ernährung auf Selbstauskünften der Teilnehmenden beruhten. Solche Angaben sind grundsätzlich fehleranfällig, weil Menschen sich nicht immer exakt an ihren Konsum erinnern. Die Studie liefert damit Hinweise auf mögliche Risiken eines hohen Süßstoffkonsums, kann aber keine endgültigen Aussagen über Ursache und Wirkung treffen. Weitere Forschung ist notwendig, um die beobachteten Zusammenhänge besser zu verstehen.
Quelle: DOI 10.1212/WNL.0000000000214023