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Zu wenige neue Antibiotika in der Entwicklung

ZOU  |  17.03.2023

Eine Übersicht der Weltgesundheitsorganisation WHO über die Anzahl neuer Antibiotika, die sich derzeit in der Entwicklung befinden, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Insbesondere bei Wirkstoffen gegen kritische Erreger tut sich zu wenig.

Ältere Frau, hält eine Tablette in der Hand.
Forscher warnen: Wenn Antibiotika ihre Wirkung verlieren, könnten gewöhnliche Infektionen schnell gefährlich werden.
© Serhii Tychynskyi/iStockphoto

In den fünf Jahren von 2017 bis 2021 sind nur zwölf neue Antibiotika auf den Markt gekommen. In klinischen Studien gegen besonders kritische Krankheitserreger befinden sich derzeit 27 Wirkstoffe, von denen aber nur sechs als innovativ genug gelten, um Antibiotikaresistenzen zu umgehen. Lediglich zwei dieser sechs Antibiotika wirken gegen hochgradig resistente Bakterien. Dr. Valeria Gigante, Leiterin der Abteilung für Antimikrobielle Resistenz bei der WHO, sagte: „Nur vier der 27 haben neue Wirkmechanismen, und die meisten sind keine neuen Wirkstoffklassen, sondern Weiterentwicklungen bestehender Klassen.“

Dem stehen Schätzungen zufolge jährlich fast fünf Millionen Todesfälle gegenüber, die auf Antibiotikaresistenzen zurückzuführen sind. Dies betrifft besonders arme Menschen, die kaum Zugang zu teureren Antibiotika haben, die eingesetzt werden, wenn Standardmedikamente versagen.

Die Entwicklung neuer Antibiotika ist für Pharmaunternehmen nicht attraktiv, da diese Präparate meist als „Reserve“ zurückbehalten werden, bis sie dringend benötigt werden. Dazu kommt, dass Antibiotikabehandlungen meist nur von kurzer Dauer sind und die Gefahr der Ausbildung neuer Resistenzen groß. Das Risiko, dass neue Kandidaten während der langwierigen Entwicklung und der klinischen Studien scheitern, ist dagegen genauso groß wie für jedes andere Medikament. Dem steht aber im Vergleich zu beispielsweise Krebs- und Herzmedikamenten nur ein Bruchteil der Einnahmen gegenüber.

Zu Antibiotikaresistenzen kommt es durch eine übermäßige und unsachgemäße Anwendung, z. B. wenn Menschen die Behandlung zu früh unterbrechen, ein falsches Antibiotikum bekommen oder es ohne Verschreibung und unnötigerweise verwenden. Der weltweite Trend zur unsachgemäßen Verwendung von Antibiotika lässt sich an der Zeitspanne bis zur Ausbildung von Resistenzen ablesen: Bei Antibiotika, die zwischen 1930 und 1950 eingeführt wurden, betrug sie noch durchschnittlich elf Jahre, für Antibiotika, die zwischen 1970 und 2000 auf den Markt kamen, waren es nur 2 bis 3 Jahre.

„Uns läuft die Zeit davon“

Fachleute warnen deshalb davor, dass Antibiotika irgendwann nicht mehr wirksam sein könnten und viele Menschen an bisher einfachen, behandelbaren Infektionen sterben. Gigante sagte dazu: „Der rasche Anstieg multiresistenter Infektionen weltweit ist besorgniserregend. Uns läuft die Zeit davon, neue Antibiotika auf den Markt zu bringen und diese Bedrohung zu bekämpfen. Ohne sofortiges Handeln riskieren wir, in eine Vor-Antibiotika-Ära zurückzufallen, in der gewöhnliche Infektionen tödlich waren.“

Auf dem Europäischen Kongress für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten in Kopenhagen (ECCMID 2023) werden sich Experten vom 15. bis 18 April zu Lösungsstrategien austauschen.

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