Hitze und Depression: SSRI könnten den Körper besser schützen als gedacht

Hanke Huber  |  05.08.2026 11:44 Uhr

Menschen mit Depressionen gelten bei Hitze als besonders gefährdet. Eine neue Studie aus den USA deutet nun darauf hin, dass bestimmte Antidepressiva, die sogenannten SSRI, die Wärmeregulation sogar unterstützen könnten. Das widerspricht einer weit verbreiteten Annahme.

Frau im Freien, die unter Wärme leidet.
Menschen mit Depression leiden bei Hitze besonders.
© Biserka Stojanovic/iStockphoto

Warum Hitze für Menschen mit Depression gefährlich werden kann

Menschen mit Depressionen reagieren auf hohe Temperaturen oft empfindlicher als andere. Als mögliche Ursache gelten sowohl die Erkrankung selbst als auch Antidepressiva, die die Wärmeregulation beeinflussen könnten. Eine Studie der Pennsylvania State University zeichnet nun ein differenzierteres Bild: Zumindest selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) könnten die natürlichen Kühlmechanismen des Körpers eher unterstützen als beeinträchtigen. 

So schützt sich der Körper vor Überhitzung

Damit der Körper bei Hitze nicht überhitzt, nutzt er vor allem zwei Mechanismen: Er bildet Schweiß, dessen Verdunstung die Haut kühlt, und erweitert die Blutgefäße in der Haut. So kann mehr Wärme aus dem Körperinneren an die Umgebung abgegeben werden. Ob diese Schutzmechanismen bei Menschen mit Depressionen verändert sind und welchen Einfluss Antidepressiva darauf haben, war bislang unklar. 

Studie: SSRI verbesserten die Wärmereaktion des Körpers

Für die Studie untersuchten die Forschenden 64 Frauen zwischen 18 und 36 Jahren. Je 16 Teilnehmerinnen hatten keine Depression, eine unbehandelte Major Depression oder wurden mit SSRI beziehungsweise Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) behandelt. Mithilfe eines beheizbaren Spezialanzugs erhöhten die Forschenden die Körperkerntemperatur kontrolliert um ein Grad Celsius und erfassten dabei unter anderem Hautdurchblutung, Schweißbildung, Herzfrequenz und Blutdruck. 

Frauen mit einer unbehandelten Depression reagierten auf die Hitze deutlich verzögert: Sowohl die Erweiterung der Hautgefäße als auch der Beginn des Schwitzens setzten später ein. Dadurch konnte der Körper überschüssige Wärme schlechter abgeben. Frauen, die ein SSRI einnahmen, zeigten dagegen eine deutlich stärkere Hautdurchblutung und unterschieden sich in mehreren Messwerten kaum von den gesunden Teilnehmerinnen. Bei den mit SNRI behandelten Frauen war dieser Effekt nicht zu beobachten. 

Depression verzögerte Schwitzen und Hautdurchblutung

Die insgesamt produzierte Schweißmenge unterschied sich zwischen den Gruppen nicht wesentlich. Allerdings begann das Schwitzen bei den Frauen mit unbehandelter Depression erst bei einer höheren Körpertemperatur. Zusammen mit der verzögerten Erweiterung der Hautgefäße könnte dies dazu beitragen, dass sich der Körper langsamer abkühlt. 

Was die Ergebnisse bedeuten und wo ihre Grenzen liegen

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Depression selbst die Wärmeregulation beeinträchtigt, und dass eine Behandlung mit SSRI Patientinnen sogar vor einer Überhitzung schützen könnte. Sie stellen damit die verbreitete Annahme infrage, Antidepressiva seien grundsätzlich die Hauptursache für eine erhöhte Hitzeempfindlichkeit. Allerdings erlaubt die experimentelle Studie keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Zudem nahmen ausschließlich 64 junge Frauen teil, sodass sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf Männer, ältere Menschen oder den Alltag übertragen lassen. Weitere Studien müssen zeigen, welche Bedeutung die Befunde für den Hitzeschutz von Menschen mit Depression haben. 

Für Menschen mit Depression bedeutet das nicht, dass sie bei Hitze weniger vorsichtig sein müssen. Ausreichend trinken, direkte Sonne meiden und den behandelnden Arzt bei Unsicherheiten zur Medikation ansprechen, bleiben wichtige Maßnahmen.

Quelle: DOI 10.1152/japplphysiol.00147.2026

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