Warum ein guter Tag nicht vor Einsamkeit schützt
Dass enge Beziehungen guttun, gilt als gut belegt. Susan Charles, Psychologin an der University of California in Irvine, weist aber auf eine Lücke hin: Die Forschung habe soziale Verbundenheit bislang meist als festen Wesenszug behandelt, als allgemeines Maß dafür, wie gesellig jemand ist. Tatsächlich schwanke das Gefühl, verbunden zu sein, von Tag zu Tag, ähnlich stark wie andere Stimmungen. Wer sich am Dienstag von seinem Umfeld getragen fühlt, kann sich am Donnerstag einsam fühlen.
Genau diese täglichen Schwankungen könnten laut Charles der Schlüssel sein, um zu verstehen, wie das soziale Leben körperlich wirkt. Im nächsten Schritt soziale Verbundenheit als tägliches Gesundheitsverhalten zu verankern, realistisch umsetzbar wie Bewegung oder gute Ernährung, könnte der Gesundheit auf lange Sicht helfen.
Schon ein kurzes Treffen könnte einen Unterschied bedeuten
Die alltäglichen Entscheidungen, nach einem langen Tag noch eine Freundin anzurufen oder trotz Müdigkeit zu einer Verabredung zu gehen, wirkten auf zwei Ebenen. Kurzfristig kann ein gemeinsames Lachen Anspannung lösen und ein Gefühl von Sicherheit geben. Und wer sich zum Essen mit den Nachbarn aufrafft, verlässt das Haus, bleibt in Bewegung und führt Gespräche, die geistig fordern: zuhören, Argumente bilden, sich erinnern.
Über die Zeit summieren sich diese Momente. Charles spricht von einem Welleneffekt, der langfristig auf die Gesundheit einzahlt, im Guten wie im Schlechten.
Diese biologischen Spuren stehen im Mittelpunkt
Um das zu prüfen, greift das Team auf einen umfangreichen US-Datensatz zurück, der mehr als 2.900 Erwachsene zwischen 24 und 97 Jahren über fast 20 Jahre begleitet hat. Die Teilnehmenden führten über Wochen tägliche Tagebücher, machten kognitive Tests und gaben zum Teil Blut- und Urinproben ab.
Charles will darin nach biologischen Spuren sozialer Nähe suchen, etwa im Stresshormon Cortisol, in Entzündungswerten und in Markern der Zellalterung. Ihre Leitidee ist ein im Zusammenhang mit dem sogenannten Inflammaging. Damit beschreiben Forscher altersbedingte, dauerhafte Entzündungsprozesse im Körper, die bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, manchen Demenzformen und Arthritis eine Rolle spielen.
Wichtig: Ergebnisse gibt es noch nicht. Das Projekt beginnt erst, und ob sich die vermuteten Zusammenhänge bestätigen, ist offen.
Warum soziale Kontakte im Alter noch wichtiger werden könnten
Besonders interessiert Charles, wie sich das Verhältnis von sozialem Kontakt und Gesundheit im höheren Alter verändert. Mit zunehmender Gebrechlichkeit, so ihre Überlegung, steigt sowohl das Risiko der Isolation als auch der mögliche Nutzen echter Verbundenheit.
Der Hintergrund ist ernst: Der oberste Gesundheitsbeauftragte der USA hat Einsamkeit und soziale Isolation als Public-Health-Problem eingestuft, und die Corona-Pandemie hat den Trend zur Vereinzelung verstärkt.
Soziale Kontakte sollen zur täglichen Gesundheitsroutine werden
Charles will die Perspektive drehen. Statt vor den Risiken der Isolation zu warnen, betont sie die Kraft positiver Kontakte. Ihr Ziel: soziale Verbundenheit als tägliches Gesundheitsverhalten zu verankern, so konkret und umsetzbar wie Bewegung oder Ernährung.
„Soziale Verbundenheit sollte für alle als tägliches Gesundheitsverhalten gelten", sagt sie. Es geht ihr also nicht um den großen Freundeskreis, sondern um die kleinen, regelmäßigen Momente der Nähe.