Schwere Verluste, chronische Erkrankungen oder soziale Isolation können im Alter Depressionen begünstigen. Diese äußern sich bei älteren Menschen häufig nicht nur durch Traurigkeit, sondern auch durch körperliche Beschwerden wie Müdigkeit, Glieder- oder Magenbeschwerden sowie Schlafstörungen. Deshalb werden sie oft zunächst anderen Erkrankungen zugeschrieben. Darauf weist der geriatrische Psychiater Dr. Badr Ratnakaran von der Penn State Health hin. Besonders schwierig sei die Abgrenzung zu einer beginnenden Demenz. Beide Erkrankungen können mit Vergesslichkeit, verlangsamtem Denken oder sozialem Rückzug einhergehen.
Woran Angehörige eine Depression erkennen können
Trauer und Niedergeschlagenheit nach belastenden Ereignissen sind normal und klingen meist mit der Zeit ab, so Ratnakaran. Eine Depression halte dagegen oft über Monate an und beeinträchtigt den Alltag deutlich.
Typische Warnzeichen sind:
• Interessenverlust an früher geschätzten Aktivitäten
• deutliche Gewichtsabnahme oder -zunahme
• Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis
• innere Unruhe oder verlangsamte Bewegungen
• Hoffnungslosigkeit oder starke Schuldgefühle
• sozialer Rückzug
• Äußerungen, nicht mehr leben zu wollen
Werden konkrete Selbstverletzungs- oder Suizidabsichten geäußert, handelt es sich um einen medizinischen Notfall, der sofortige Hilfe erfordert, betont der Psychiater.
Das Gespräch behutsam suchen
Mit den eigenen Eltern über psychische Belastungen zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Das gilt besonders dann, wenn Gefühle in der Familie oder Generation selten offen thematisiert wurden. Wichtig sind Geduld und ein wertschätzender Umgang. Ratnakaran rät: Angehörige können ihre Beobachtungen schildern, etwa: „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit nicht ganz wie du selbst wirkst. Ich mache mir Sorgen um dich.“ Entscheidend sei dabei die Botschaft, dass eine Depression keine persönliche Schwäche ist, sondern eine behandelbare Erkrankung.
Was Betroffenen helfen kann
Zeigen ältere Angehörige Anzeichen einer Depression, sollte zunächst der Hausarzt einbezogen werden. Bei Depressionen kann eine Psychotherapie wirksam sein. Medikamente müssen bei älteren Menschen besonders sorgfältig eingesetzt werden, da häufig bereits mehrere Arzneimittel eingenommen werden. Deshalb gilt: niedrig dosieren, langsam steigern und mögliche Wechselwirkungen genau prüfen.
Ebenso wichtig ist die soziale Teilhabe. Einsamkeit zählt zu den größten Risikofaktoren für Depressionen im Alter. Kleine, regelmäßige Aktivitäten, soziale Kontakte oder gemeinsame Unternehmungen können helfen, Isolation zu durchbrechen und wieder Sinn und Struktur in den Alltag zu bringen.
Auch Angehörige müssen auf sich achten
Die Begleitung eines depressiven Elternteils kann sehr belastend sein. Angehörige sollten deshalb auch auf die eigene psychische Gesundheit gut achten, Unterstützung annehmen und Verantwortung möglichst auf mehrere Schultern verteilen.