Wie entwickelt sich die Hirnschädigung in den Stunden und Tagen nach dem Schlaganfall? Und wie gut schlägt die Therapie an? Forschende haben nun einen neuen Blutmarker identifiziert, der dabei helfen könnte, diese Fragen zu beantworten. Darauf macht die das LMU Klinikum München aufmerksam.
Warum der Verlauf nach einem Schlaganfall schwer messbar ist
Bei einem ischämischen Schlaganfall wird ein Teil des Gehirns nicht mehr ausreichend durchblutet. Aktuell stützen sich medizinische Entscheidungen vor allem auf CT- oder MRT-Bilder. Diese zeigen jedoch meist nur Momentaufnahmen. Wiederholte Untersuchungen sind organisatorisch aufwendig und spiegeln den weiteren Verlauf oder die Erholung oft nur eingeschränkt wider. Während sich Schäden an Organen wie Herz oder Niere regelmäßig per Bluttest überwachen lassen, fehlte bislang ein vergleichbarer Marker für das Gehirn.
„In der klinischen Versorgung stehen wir deshalb aktuell vor dem Problem, die Entwicklung der Hirnschädigung nicht fortlaufend verfolgen zu können und sind dadurch bei Therapieentscheidungen eingeschränkt“, zitiert die LMU Dr. Steffen Tiedt, der auch am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) tätig ist. Ziel seiner Forschung ist deshalb, einen zuverlässigen Bluttest zu entwickeln, der die Hirnschädigung fortlaufend abbilden und Behandlungseffekte erkennbar machen kann.
BD-tau: Ein neuer Marker aus dem Gehirn
Das ist möglich mit dem Blutmarker Brain-derived Tau (BD-tau): Er erfasst Tau-Protein, das aus dem zentralen Nervensystem stammt. In mehreren Studien mit insgesamt über 1.200 Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten zeigte BD-tau, wie stark das Gehirn geschädigt ist und wie sich diese Schädigung über Tage entwickelt.
Bereits frühe BD-tau-Werte standen mit dem Ausmaß der initialen Hirnschädigung in Zusammenhang. Ein stärkerer Anstieg in den ersten 24 bis 48 Stunden ging mit einem Wachstum des Infarkts einher. Auch Komplikationen wie erneute Schlaganfälle spiegelten sich in erhöhten Werten wider. Zudem ließ sich mit BD-tau die Erholung und den funktionellen Zustand nach 90 Tagen vorhersagen, so die LMU.
Behandlungseffekte im Blut sichtbar
Besonders relevant: BD-tau machte auch Therapieeffekte messbar. Der Anstieg fiel geringer aus, wenn bei einem medizinischen Eingriff, einer Thrombektomie, das verschlossene Gefäß wieder vollständig geöffnet wurde. In einer Studie mit Nerinetid, einem Wirkstoff zum Schutz des Gehirns, zeigte sich ein deutlich geringerer BD-tau-Anstieg als unter Placebo. „BD-tau könnte dafür eine Art ‚Troponin fürs Gehirn‘ werden – als objektiver Blutmarker, der das Fortschreiten der Schädigung sowie Therapieeffekte messbar macht“, erklärt Steffen Tiedt. Troponin-Schnelltests werden bei Herzinfarktpatienten verwendet, die es ermöglichen über eine Blutprobe die Schädigung des Herzmuskels zu messen.
Perspektiven für die Schlaganfallversorgung
Noch sind weitere Studien nötig, etwa um Referenzwerte für BD-tau festzulegen und so einen Test zu langfristig. Langfristig könnte BD-tau helfen, Verläufe nach Schlaganfall besser zu überwachen, Komplikationen früher zu erkennen und Therapien gezielter zu einzusetzen.
Quelle: DOI 10.1126/scitranslmed.adz1280