Wie Menschen sich ihr eigenes Leben im Alter vorstellen, hängt offenbar damit zusammen, wie sie ihre sozialen Beziehungen Jahre später gestalten. Dafür sprechen zwei Studien eines internationalen Forschungsteam um Psychologin Christina Ristl von der Universität Wien. Die Forschenden vermuten einen Mechanismus, ähnlich einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“: Erwartungen können das eigene Verhalten so beeinflussen, dass das Erwartete später tatsächlich wahrscheinlicher wird.
Erwartungen prägen spätere soziale Aktivität voraus
Für eine der Studien hatten die Forschenden 459 Erwachsene zwischen 30 und 80 Jahren über zehn Jahre begleitet. Zu drei Zeitpunkten erfassten sie, welche Erwartungen die Teilnehmenden an ihr späteres Familien- und Freundschaftsleben sowie an soziales Engagement hatten. Außerdem wurde untersucht, wie viel Zeit sie tatsächlich mit Familie und Freunden oder mit freiwilligen Aktivitäten verbrachten.
Menschen, die mit einem erfüllten Familien- oder Freundschaftsleben im Alter rechneten, verbrachten Jahre später tatsächlich mehr Zeit mit diesen Menschen. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei familiären Beziehungen im höheren Erwachsenenalter.
Positive Altersbilder können Beziehungen stärken
Dabei zeigte sich: Die Erwartungen sagten das spätere Verhalten voraus. „Wer erwartet, im Alter einsam zu sein, rechnet eher mit Ablehnung. Soziale Kontakte aufrechtzuerhalten könnte dadurch sinnlos erscheinen“, erklärt Ristl. Umgekehrt könnten positive Erwartungen dazu beitragen, dass Menschen stärker in ihre Beziehungen investieren.
Altersbilder beeinflussen auch den Alltag
In einer zweiten Studie begleiteten die Forschenden 109 Erwachsene zwischen 50 und 85 Jahren über zwei Wochen durch ihren Alltag. An Tagen, an denen die Teilnehmenden ihr eigenes Älterwerden positiver wahrnahmen, bewerteten sie auch ihre sozialen Begegnungen positiver. Nahmen sie dagegen vor allem altersbedingte Verluste wahr, erschienen ihnen soziale Kontakte häufiger belastend. Dieser Effekt konnte bis zum folgenden Tag anhalten.
Warum ein realistisches Altersbild wichtig ist
Altersbilder sind nicht unveränderlich – Wissen und Erfahrungen können sie im Laufe des Lebens beeinflussen. Ein positives Altersbild bedeutet nicht, mögliche Schwierigkeiten auszublenden. „Entscheidend ist vielmehr ein realistisches Bild vom Älterwerden – eines, das neben möglichen Verlusten auch Entwicklung, Beziehungen und neue Chancen sieht“, sagt Ristl. Das Leben sei keine Erfolgsleiter, die Menschen bis zur Lebensmitte Sprosse für Sprosse erklimmen und danach wieder hinabsteigen. „Eher gleicht es einer Torte mit vielen Schichten: Jede Lebensphase bringt ihre eigenen Stärken, Beziehungen, Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich“, so Ristl.
Quelle: DOI 10.1037/pag0001011