Wie entsteht eine postpartale Belastungsstörung?
Eine posttraumatische Belastungsstörung kann sich nach einer belastenden Schwangerschaft oder Geburt entwickeln. Typisch sind aufdrängende Erinnerungen an das Erlebte, Albträume, Ängste, starke Anspannung und Vermeidungsverhalten. Hinzu kommen oft anhaltend negative Gedanken und Gefühle.
Meist geht ein als traumatisch erlebter Verlauf voraus. Eine medizinisch komplizierte Geburt ist dafür aber keine Voraussetzung. Entscheidend ist auch, wie die Frau die Situation erlebt hat. Darauf weist ein Forschungsteam der University of East Anglia hin, das die Versorgung betroffener Frauen in Großbritannien untersucht hat. Nach den dort zitierten Zahlen entwickelt etwa eine von 20 Frauen nach der Geburt eine solche Störung.
Warum eine falsche Diagnose Folgen hat
Eine Belastungsstörung verursacht Beschwerden, die auch bei einer Depression oder Angststörung auftreten. Bleibt die eigentliche Ursache unerkannt, verzögert sich die passende Behandlung. Denn hier gelten traumafokussierte psychotherapeutische Verfahren als zentrale Behandlung. Medikamente lassen sich ebenfalls einsetzen, ersetzen eine gezielte Psychotherapie aber nicht und stehen bei dieser Erkrankung nicht an erster Stelle.
So zeigt sich eine Belastungsstörung im Alltag
Unbehandelt reicht eine solche Störung weit in den Alltag hinein. Studienleiterin Megan Foreman beschreibt Frauen, die aus Angst vor einer erneuten Belastung immer wieder ärztliche Rückversicherung für sich oder ihr Kind suchen. Andere meiden medizinische Angebote ganz, auch bei späteren Schwangerschaften.
Manche wünschen sich dann einen geplanten Kaiserschnitt, um bei einer weiteren Geburt mehr Kontrolle zu haben. Andere lehnen empfohlene Maßnahmen ab, weil sie Eingriffe mit dem früheren Erlebnis verbinden.
Die Diagnose wird mitunter übersehen
Die britischen Forschenden plädieren für einen behutsamen Umgang mit dem Thema. Viele Frauen sind kurz nach der Geburt noch nicht bereit, über ein belastendes Erlebnis zu sprechen. Entscheidend ist daher nicht nur, ob nach psychischen Beschwerden gefragt wird, sondern auch wie und wann.
Auch hierzulande ist das Problem bekannt. Fachleute gehen davon aus, dass rund vier Prozent der Frauen nach einer Geburt eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Zum Vergleich: Bei Wochenbettdepressionen werden etwa 15 Prozent angegeben, bei Angststörungen rund zwölf Prozent.
Eine einheitliche Handlungsempfehlung für psychische Störungen rund um die Geburt fehlt bislang. Eine entsprechende ärztliche Leitlinie entsteht derzeit erst, gefördert aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses. Hinzu kommt ein Problem bei der Früherkennung: Das verbreitete Screening-Instrument, die Edinburgh-Skala, zielt auf depressive Beschwerden. Aufdrängende Erinnerungen oder Vermeidungsverhalten erfasst sie nicht gezielt.
Hier finden Betroffene und Angehörige Unterstützung
Wer nach einer Geburt über längere Zeit unter aufdrängenden Erinnerungen, Albträumen, starker Anspannung oder ausgeprägtem Vermeidungsverhalten leidet, sollte das ansprechen. Erste Anlaufstellen sind die Hebamme, die gynäkologische oder hausärztliche Praxis. Dabei hilft es, ausdrücklich auf den Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt hinzuweisen. So lässt sich gezielter prüfen, welche Erkrankung dahintersteckt.
Unterstützung bietet außerdem der Verein Schatten und Licht, der sich mit psychischen Erkrankungen rund um Schwangerschaft und Geburt befasst und Betroffene an geeignete Fachstellen vermittelt. Wer sich in einer akuten Krise befindet, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123. Die Beratung ist kostenfrei und anonym, auch online unter telefonseelsorge.de.